Kurzgeschichten und Märchen

copyright by Konni Br.



Armer Schatzsucher

Es war einmal ein Schatzsucher, der hatte manche Ziele erreicht, einige Schätze gefunden und war doch in sich arm geblieben.

Da machte er sich auf, einen neuen Schatz zu suchen, einen ganz besonderen, einen, der zeitlos schön ist, einen, den er nicht teilen muss, einen, der sein bisheriges Suchen beendet.

Doch kaum hatte er ihn in seinen Händen, ging sein Blick zurück, und er erstarrte zur Salzsäule...



Der einsame Wanderer

Es war vor langer Zeit, als man noch durch grüne Wälder streifen konnte und die Vögel jeden Frühherbst gen Süden flogen.

Da lebte ein einsamer Wanderer in seiner Holzhütte am Rande einer Waldlichtung, wo ihn tagtäglich das Rehwild besuchte. Die Tiere spürten die Einsamkeit und Trauer des Mannes und überlegten sich, wie sie ihm helfen konnten.

Sein Gesicht war von tiefen Falten gezeichnet, sein Gang gebeugt, sein Blick von Angst und Wehmut geprägt. Jeden morgen verließ er seine gemütlich eingerichtete Behausung, die er aus Sorge vor ungebetenen Gästen sorgfältig verriegelte, um Kräuter, Beeren und Heilwurzeln zu sammeln.

Er war sehr besorgt um seine Gesundheit und brauchte deshalb auch den ganzen Tag, bis er wirklich die besten Zutaten für seine kargen Mahlzeiten und Heilsalben gefunden hatte.

Abends kehrte er gebückt zurück und blickte misstrauisch zu den Rehen, die sich auf der Waldlichtung zu ihrer Abendfütterung versammelt hatten. "Wer weiß," dachte er, "sie sehen zwar friedlich aus, aber ich möchte sie eigentlich nicht in meiner Nähe haben. Immer wieder stirbt eines der Tiere aus dem Rudel, und vielleicht haben sie gar ansteckende Krankheiten, wogegen keines meiner Heilkräuter und Salben helfen würde. Ich wäre verloren, und es würde nicht einmal jemand bemerken. Keiner würde mich vermissen, und niemand könnte mir helfen. Am Besten werde ich meine Hütte von Grund auf isolieren und so abdichten, dass ich mich völlig sicher fühle und mir nichts und niemand Schaden zufügen kann."

Viele Monate verbrachte er damit, sein Vorhaben mit höchster Genauigkeit zu vollenden, und er bemerkte gar nicht, dass sein Vorrat an Kräutern, Beeren und Wurzeln fast verbraucht war. Nun stand bereits der Winter vor der Tür, der Wind pfiff kräftig um die kleine Hütte, und der Frost breitete sich überall aus.

Jäh erwachte er aus seinem ängstlichen Tun und war verzweifelt, weil er erkannte, dass er nicht mehr genügend Zeit haben würde, vor Wintereinbruch seinen Vorrat aufzufüllen und für genügend Brennholz gegen die klirrende Kälte zu sorgen. Wohl oder übel musste er seine Behausung verlassen, wenn er überleben wollte. Warm eingepackt verließ er seine Waldhütte, nicht ohne wiederholt zu überprüfen, ob Fenster und Türen wirklich dicht verschlossen waren. Schon wieder standen die Rehe an ihrem angestammten Platz, und fast glaubte er, in ihren Blicken eine Wehmut und Mitleid zu erkennen.

Rasch verwarf er wieder diesen Gedanken, denn schließlich hatte er sein Misstrauen gegen die Tiere oft und deutlich genug gezeigt. Also, wie sollten diese zwar freundlich und zutraulich aussehenden Wesen ausgerechnet ihm ihr Mitgefühl und ihre Zuneigung zeigen wollen.

Verwirrt ging er immer tiefer in den Wald hinein, an den Bachläufen entlang und bis zu den kahlen Bergen hinauf, um einzusammeln, was er für sich für den Winter dringend brauchte.

Völlig erschöpft und mit halbleerem Beutel kehrte er bei Dunkelheit zurück, um seine geringe Beute im Warmen in Sicherheit zu bringen. Erschrocken musste er feststellen, dass er den Schlüssel zu seiner Hütte verloren hatte. Was er auch tat, wie weit er auch zurückging, der Schlüssel war nicht mehr aufzufinden. Alle Sicherheiten, die er sich in der jüngsten Zeit geschaffen hatte, nützten ihm nun nichts mehr. War das nun das nahe Ende, würde er vor seiner eigenen Hütte verhungern und erfrieren müssen?

Lange saß er so da, und die Kälte kroch ihm bereits in alle Glieder. Da plötzlich vernahm er in der Nähe ein leises Schnauben und schließlich eine wärmende Hand in seinem Nacken. Erschrocken drehte er sich um und nahm erstaunt wahr, dass eines der Rehe direkt hinter ihm stand. Es neigte seinen Kopf und fing behutsam an, mit seiner warmen Zunge, seinem zarten Atem die Kälte des Einsamen zu vertreiben.

Zunächst erschrak der Mann und wollte diese intensive Nähe und Zärtlichkeit des doch eigentlich scheuen Tieres nicht zulassen. Hatte er nicht alles getan, um sich vor allerlei Eindringlingen, Krankheiten und sonstigen Schrecknissen dieser immer beängstigenderen Welt zu schützen? Aber er war hungrig und durstig, durchgefroren und allein. Was also konnte ihm noch Schlimmeres passieren als der nahende Tod!

So ließ er zu, was er eigentlich nicht wollte, und langsam überkam ihn das Gefühl, dass irgend etwas in ihm auftaute und all seine Angst und Unsicherheit allmählich dahinschmolz. Das Tier war so zart und doch unaufdringlich und von einer Schönheit, dass es ihm fast den Atem raubte. Dicht aneinander geschmiegt verbrachten sie diese kalte Vorwinternacht direkt vor seiner Hütte. Am Himmel leuchteten unendlich viele Sterne, und der Vollmond bewachte das zarte Leben auf der einsamen Waldlichtung.

Am anderen Morgen zupfte das Reh den Wanderer behutsam am Ärmel und zog ihn mit sich fort. Der Mann verstand zwar nicht viel von Tiergestiken, aber er hatte Vertrauen zu dem wundersamen Tier gewonnen und war einfach gespannt, wohin der Weg sie führen würde.

Bald hatten sie den dichten Wald durchquert, ließen die Bachläufe hinter sich und erreichten die Spitze der kahlen Berge. Das schöne Reh war so behende in seinen Bewegungen, dass der Mann Mühe hatte, nachzukommen. Zu lange hatte er sich in den letzten Monaten nur in seiner kleinen Hütte bewegt, um seine für ihn so lebenserhaltenden Arbeiten voranzutreiben, so dass er einfach keine Kondition mehr hatte. Aber je weiter sie gemeinsam vorankamen, um so leichter fiel es ihm. Er konnte schließlich wieder tief durchatmen, nahm die würzige Luft der Landschaften wahr und konnte auch endlich wieder die Faszinationen der Natur sehen, die ihm lange verborgen geblieben waren.

Plötzlich beugte sich das schöne Tier hinter einem Felsen und zog den Mann schließlich nahe an sich heran. Da lag der Schlüssel zu seiner Hütte inmitten eines wundersamen Strauchs, den er für seine Mahlzeiten schon so lange gesucht hatte. Überglücklich steckte er beide gefundenen Schätze sorgsam in seinen Beutel, und es überkam ihn ein Gefühl der Dankbarkeit und tiefen Zuneigung zu dem scheuen Waldtier, wie er es noch nie empfunden hatte.

Er war nicht mehr derselbe wie noch am Abend zuvor, seine Einsamkeit, sein Misstrauen waren verflogen und er spürte, wie ihn neuer Lebensmut, tiefer innerer Frieden und unendliche Energien durchströmten. Als sein Blick am Horizont entlang streifte, entdeckte er unweit seiner Waldlichtung einen kleinen Ort, in dem er nie zuvor gewesen war. Gleich am nächsten Tag wollte er sich dahin aufmachen, um endlich wieder anderen Menschen zu begegnen, sich auszutauschen und vielleicht gar Freunde zu finden. Ja, er wollte nicht länger der einsame Wanderer bleiben, nur beschränkt auf seine isoliert-sterile Hütte und auf seine kargen Mahlzeiten aus Beeren, Kräutern und Wurzeln.

Doch würde er immer wieder gerne zu seinem ruhigen Heim zurückkehren, zurück zu jenem wunderschönen und liebevollen Reh, das ihn nicht nur vor dem nahenden Tod gerettet hatte. Nein, es hatte ihn wieder leben gelehrt, er konnte wieder Nähe und Zärtlichkeiten ohne Ängste zulassen und fand zu einem wahren Frieden, zu tiefer Liebe zu sich, der Natur und all den verschiedensten Lebewesen zurück, vor denen er sich so lange verschlossen hatte.

Sein Reh aber umsorgte er in liebevoller Weise von nun an, jahraus, jahrein, achtete darauf, dass ihm niemand etwas zuleide täte und genoss seine Nähe und Wärme, wenn es bei ihm war. Auch wenn es wieder zu seinem Rudel in seine natürliche Umgebung zurückkehrte, wusste er doch, dass das anschmiegsame Tier wieder seine Nähe und Geborgenheit suchen würde. Und das gab ihm das, was er brauchte um zu leben, auch wenn er wusste, dass es irgendwann im Kreislauf der Dinge in allem ein Ende geben würde.



Der Zauberstab

Es war einmal ein Zauberer, einsam und verlassen auf der Suche nach seinem Zauberstab.

Lange war er umhergeirrt, landauf, landab fand er manch schönes Holz.

Enttäuscht begegnete er eines Tages einer bezaubernden Fee, am Flussufer sich ausruhend.

Kaum hatte er sich bei ihr niedergelassen, entdeckten sie gemeinsam seinen Zauberstab im Wasser treibend.

Mit vereinten Kräften zogen sie den Schatz an Land. Sich zärtlich berührend verband sie von nun an ein unendlicher Zauber.



Die kleine Prinzessin

Weinend sitzt die kleine Prinzessin auf der staubigen Straße und schaut auf ihre leeren Hände.
Nur wenige Tage waren es, in denen sie wirklich glücklich war, hatte sie doch endlich gefunden, wonach sie so lange gesucht hatte.

Auf den ersten Blick war es nur ein unscheinbarer Stein, schmutzig und kantig, geprägt vom Leben der Landstraße.
Aber irgend etwas zog sie magisch an, dieser Stein konnte kein gewöhnlicher Stein sein.

Als sie ihn aufhob, fielen die Erdkrusten ab, und sie entdeckte ein Funkeln darunter, wie sie es noch nie gesehen hatte.
Sie fing an, mit ihrem schönen Kleid den Stein zu reiben und polierte so lange, bis seine ganze Schönheit zum Vorschein kam.

Wenn sie ihn ins Licht hielt, sah sie alle Farben des Regenbogens, und wenn sie ihn umdrehte, konnte sie ihr eigenes Spiegelbild erkennen.
Von Stund an nahm sie ihn überall hin mit, doch verbarg sie ihn sorgsam in einem kleinen Beutel, den sie stets über ihrem Herzen trug.

Die Leute wunderten sich, wie sehr sich die kleine Prinzessin verändert hatte, ihr Strahlen im Gesicht blieb niemand verborgen.
Als sie nun an diesem Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, an ihre Lieblingsstelle nahe der staubigen Landstraße ging, setzte sie sich hin, um ihren kostbaren Schatz in aller Ruhe zu betrachten und zu liebkosen.
Sie meinte, er wäre noch schöner und strahlender geworden, genau wie ihr eigenes Spiegelbild.

Da hörte sie plötzlich ein beängstigendes Rauschen über sich, und ein großer schwarzer Vogel stürzte sich auf ihre Hand, entriss ihr das Kostbarste, was sie hatte und flog auf und davon.

Wie versteinert saß sie da, und wollte nicht glauben, was geschehen war - lange konnte sie nicht einmal weinen, so sehr war sie erschrocken.
Schließlich fing sie an, sich Vorwürfe zu machen, dass sie nicht vorsichtig genug war und die drohende Gefahr nicht herannahen sah.

Da erkannte sie, dass sie letztendlich keine Schuld hatte, und dass ihr dieses Unglück - einfach so - passiert war.
Und sie fing an, ihren Schmerz zu beweinen und fand kein Ende, so tief war ihr Herzeleid.

Mit einem Mal spürte sie eine warme Hand auf ihrer Schulter und hörte ein Flattern zu ihren Füßen.
Als sie ihr Gesicht hob, erkannte sie eine Schar von Vögeln, die an einem seltsamen Steingebilde herumpickten, als gäbe es da einen besonderen Leckerbissen.
Und man wird es kaum glauben: Zum Vorschein kam ein wunderschöner glänzender Stein, der in seinem Aussehen dem geraubten in nichts nachstand.

Als die Vögel davonflogen, hob die kleine Prinzessin behutsam den Stein hoch und betrachtete ihn voll Glückseligkeit.
Er fühlte sich warm an und war rund, wie ein Kieselstein, und verbarg tausend Farben in sich.
Schnell wischte sie sich die letzten Tränen ab, und ein Leuchten erfüllte ihr Gesicht.

Doch wo war nur die wärmende Hand geblieben, sie wollte sich umdrehen und bedanken, für den empfangenen Trost.

Aber es war niemand mehr da, und nur in weiter Ferne sah sie eine Staubwolke, die immer kleiner wurde, bis nichts mehr davon zu sehen war, und der strahlend blaue Himmel den ganzen Horizont erfüllte.



Der verlorene Prinz

Vor langer Zeit lebte einmal ein Königssohn jenseits der großen Berge gen Osten.
Er war jung, von rassiger Gestalt, dynamisch in seiner ganzen Natur und außerdem sehr klug. Ja, er wusste genau, was er wollte und war auch davon überzeugt, stets das zu bekommen, wonach sein Sinn strebte.

Da er in seinem ganzen Königreich kein junges Mädchen fand, das seinen Ansprüchen gerecht wurde, schwang er sich eines Tages auf sein schwarzes Pferd und machte sich auf gen Westen.

Lange Monate war er so unterwegs, wurde überall freundlich aufgenommen, denn sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Doch offensichtlich war keine der Töchter seiner wert, bis er eines Tages vor einer blonden Schönheit stand, die ihm den Atem raubte.
Nie hatte er ein attraktiveres Mädchen gesehen, das kaum die Reife einer jungen Frau hatte aber was spielte das in diesem Fall schon für eine Rolle. Diese oder Keine wollte er für sich wählen, denn er ließ sich blenden von ihrem Äußeren, ohne auch nur ein Eckchen ihrer Seele oder ihres Wesens zu kennen.

Nun, die Schöne war ihm natürlich auf Anhieb verfallen und war von Stund an bemüht, für ihn alles zu tun, was er sich wünschte. Ja, sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab, tat Dinge, von denen sie nie zuvor etwas gehört hatte, und er war sehr zufrieden mit seiner Wahl.
Berauschend waren nicht nur die Nächte für das junge Paar, und sie ließen keinen Augenblick aus, ihr junges Glück in der Öffentlichkeit zu demonstrieren.

Es wäre wohl noch sehr lange so weitergegangen, wenn das Mädchen nicht eines Tages zutiefst erschreckt festgestellt hätte, dass wohl etwas in ihrem Leib zu wachsen begann, für das sie sich selbst nicht reif genug fühlte.
Auch der junge Königssohn war nicht gerade begeistert über dieses unerwartete Missgeschick, aber er wollte sein Mädchen auch nicht im Stich lassen, schließlich war er ja nicht unschuldig in dieser Angelegenheit, und es würden sich schon Möglichkeiten finden, mit dieser ungewollt frühen Schwangerschaft fertig zu werden und trotzdem ihrer beider Leidenschaft in vollen Zügen weiter zu genießen.
Schließlich hatte er bisher für alles immer Lösungen gefunden, warum also sollte es hierin nicht ebenso sein!

So wurde nun bald eine rauschende Hochzeit gefeiert, zu dem sehr viel Volk und der ganze Hofstaat aus Ost und West geladen war.
Es dauerte aber nicht lange, bis beide in dieser außergewöhnlichen Situation ihre wahren Gesichter zeigten und eigentlich mit Schrecken feststellten, dass das Fundament ihrer zarten Liebe sehr dünn geworden war.
Die junge Frau hatte inzwischen beträchtlich an Umfang zugenommen und nicht nur an ihrem Leib, als Brutstätte ihrer Frucht, und sie spürte auch, dass der junge Königssohn sich nicht mehr allzu sehr zu ihr hingezogen fühlte.
Er war plötzlich herrisch geworden, fing an, mit ihr über alles mögliche und unmögliche zu diskutieren und vermisste ihre fast untertänigsten Bedienungen in allen Bereichen seiner Bedürfnisse.

Sie hingegen erinnerte ihn verzweifelt an seine Liebesschwüre, verdammte in sich zutiefst das Heranwachsende, das sie als Auslöser ihrer gemeinsamen Krise sah und musste bald feststellen, dass sie ihrem Gatten in seiner Weisheit und Klugheit in keinster Weise standhalten konnte.

Je mehr er versuchte, sie geistig herauszufordern, um wenigstens in diesem Bereich zu bekommen, was ihn noch bei ihr hätte befriedigen können, um so verzweifelter klammerte sie sich an ihn und versprach ihm alles, was er hören wollte, nur, um ihn zu halten und nicht mit dem noch Ungeborenen geächtet und verlassen zu werden.

So war auch die Geburtsstunde des kleinen, kräftigen Prinzen keine Sternstunde, und das Unheil nahm weiter seinen Lauf.
Das junge Paar stritt sich unentwegt, er war immer im Recht, und sie hatte zu parieren und für die Bedürfnisse ihres Mannes und natürlich ihres Neugeborenen zu sorgen.

So sehr sie sich auch bemühte, allem gerecht zu werden, sie konnte es einfach nicht schaffen. Natürlich gab sie sich alle erdenkliche Mühe, aber es reichte einfach nicht aus sie war noch viel zu jung, hatte weder die nötige Erfahrung, noch die innere Stärke und Weisheit, um an dieser Situation etwas positiv verändern zu können.
Schließlich fing sie an, diesen jungen Balg zu hassen, der all ihr Glück zerstört hatte, und auch ihren Mann, der sie letztendlich mit all den anfallenden Arbeiten und Belastungen alleine ließ.

Er indessen sann längst darüber nach, wie er sich all des Übels ohne großes Aufsehen entledigen könnte, denn es gab eigentlich nichts mehr, was ihn zurückhielt.
Die junge Frau hatte sich als ein einfältiges und stets formbares Wesen entpuppt, und er war ihrer Allüren und Umklammerungen überdrüssig geworden.
Nun gut, zu anfangs hatte er sich einfach von ihrer Schönheit blenden lassen und nichts hinterfragt. Aber jetzt entdeckte er, dass dies und auch der Umstand eines gemeinsamen Kindes nicht ausreicht, um noch mehr seiner kostbaren Lebenszeit an diesem Ort zu verbringen.

So schwang er sich eines Tages wieder auf sein schwarzes Pferd, und zurück blieb nur eine große Staubwolke, eine junge, zeternde Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand, der verzweifelt versuchte, seinem Vater nachzulaufen.

Es half alles nichts, sie mussten wohl oder übel versuchen, alleine zurecht zu kommen.
Längst hatte der Kleine gespürt, dass er ungewollt war, denn Keiner hatte jemals mit ihm so richtig geschmust und geknuddelt, was Kinder so dringend brauchen wie das tägliche Brot, um gesund aufzuwachsen und sicher ins Leben zu starten.
Ja, sogar das Gegenteil war der Fall, erst recht, nachdem der Vater für immer verschwunden war, um irgendwo ein neues Glück zu suchen.

Sobald der Junge nicht tat, was von ihm erwartet wurde, musste er um sein Überleben bangen. Unentwegt sollte er seiner Mutter helfen, ordentlich aussehen, sich nicht schmutzig machen, zu allen freundlich sein, und in der Schule sich als überaus fleißiger Schüler hervortun.

Nein, die Mutter wollte beileibe nicht, dass es ihm einmal so ging, wie ihr, und deshalb erzog sie ihr Kind mit aller Strenge zu dem, wovon sie überzeugt war, dass es das Bestes für ihn und natürlich letztendlich auch für sie selbst sei.
Sobald der Junge von ihrem für ihn gewählten Weg abging, musste er an Leib und Seele Entbehrungen ertragen, wie es in der Hölle nicht schlimmer sein konnte. Dabei war er doch nur ein unschuldiges Produkt eines leidenschaftlichen Augenblicks und wünschte sich nichts sehnlichster, als endlich einmal geliebt zu werden, ohne Bedingungen, einfach so, weil er es selbst wert war.

So verzehrte er sich nach der Liebe der Mutter, die er innerlich doch nie erreichen konnte. Und der Vater war für ihn sowieso aus den Augen verschwunden nach ihm sich zu sehnen, war ebenso zwecklos. Hätte ihn dieser genug geliebt, dann hätte er ihn sicherlich mit sich fortgenommen, weg von dieser schrecklichen und ewig unzufriedenen Frau, die ihn völlig überforderte, als wäre er ein Hund, den sie zu absolutem Gehorsam dressieren konnte.
Letztendlich war es für sie der einzige Ehrgeiz, der übrig geblieben war, aus dem Jungen das Beste zu machen, wozu sie mit all ihren Bemühungen imstande war.
Liebe, ja was war das schon eine lächerliche Gefühlsduselei, eine leichtsinnige Blendung, eine schmerzliche Erfahrung. Und das wollte sie ihrem heranreifenden Sohn ersparen, denn ihr war auch nichts im Leben geschenkt worden, außer ihrer äußeren Schönheit, von der sie durch all die unerfreulichen Jahre doch ein gut Teil eingebüßt hatte.

Eines Tages aber war in ihrem Jungen die Sexualität derart erwacht, dass es für ihn kein Zurückhalten mehr gab.
Nun, solange er sich nicht ernsthaft verliebte, und er sich bei anderen Mädchen und Frauen nur den Teil Befriedigung holte, den sie ihm nicht geben konnte und wollte, hatte die Mutter nichts dagegen. Denn sie wachte nach wie vor über alle seine Belange, und dafür sollte er ihr sowieso dankbar sein bis an sein Lebensende.
Selbst, als der junge Mann in die Fremde ging, hielt sie ihren Einfluss in seiner Gedankenwelt aufrecht, und es gelang ihm nie so recht, sich davon zu lösen,wie sehr er sich auch bemühte.
Zu sehr war er geprägt von dieser Hass-Liebe, dieser Abhängigkeit, diesem Zurechtgestutztwordensein für ein Leben, das nicht seiner wirklichen Art entsprach.

Aber was war eigentlich seine Art, wie sahen seine Wünsche und Träume aus hatte er überhaupt welche, und war es nicht viel wichtiger, alle Grundbedürfnisse, die ein junges und sprühendes Wesen so hat, befriedigt zu wissen, egal von welcher Seite man was nahm?

Waren sie nicht letztendlich alle namenlos, diese Frauen und Mädchen, solange er das bekam, was er gerade meinte, zu brauchen?
Natürlich fand er nirgendwo dieses abgöttische Umsorgtwerden, wie bei seiner Mutter, zudem noch ohne Verpflichtung zu wahrer Liebe und Hingabe.
Und wenn er glaubte, auch nur annähernd beides in einer Person vereint zu finden, zerrann es ihm zwischen den Fingern, wie feiner Sand, denn es gab nichts, was er festhalten konnte oder wollte auf Dauer.

Alles hinterließ letztendlich einen schalen Geschmack und eine innere Leere, die er sich nicht erklären konnte. Schließlich hatte er immer alles gegeben, wozu er bereit war und das war ja wohl nicht wenig. Versprochen hatte er nie etwas, wozu also jegliche Aufregung, und wenn jemand seinen Ansprüchen nicht mehr genügte, schwang er sich auf und davon...
Immerhin konnte er sich pferdestärkemäßig allemal mit seinem Vater messen.

Nun, seine Mutter hatte längst wieder geheiratet, war gesellschaftlich etabliert und wog sich in äußerer Sicherheit, die ein Mensch einfach braucht, um ein beständiges Leben führen zu können.
Nie konnte sich der junge Mann mit seinem neuen Stiefvater abfinden, denn er entsprach wohl nicht dem, was er sich für seine Mutter und für sich selbst gewünscht hätte.

Auch dieser war schon bald zu Wachs geworden in den Händen der Frau, die offenbar nur auf diese Weise ihre eigenen Bedürfnisse nach Liebe, Geltung und Selbstwert befriedigen konnte.
Es musste einfach nach außen hin sichtbar sein, zu welcher Leistung und Einflussnahme sie imstande war, denn so erfuhr sie die Anerkennung, von der sie zehren konnte. Und sie brauchte die Dankbarkeit der Menschen, für die sie sich schließlich aufopferte.

So entstanden immer wieder neue Abhängigkeitsverhältnisse, die sie schuf und regelmäßig nährte. Und sie war auch nicht bereit, noch einmal in ihrem Leben einen von ihr besetzten Platz kampflos aufzugeben.
Das, was sie geleistet hatte, sollte ihr erst einmal jemand nachmachen. Sie hatte Ordnung geschaffen, wo keine war, hatte ihr eigenes Leben und das anderer ihr nahestehender Menschen im Griff zu Sentimentalitäten gab es keinen Platz und keinen Grund. Das Ergebnis war das, was zählte, und wenn es nicht ihren Anforderungen entsprach, musste eben die Leistung gesteigert werden. So einfach war das!

Aus ihrem Sohn aber war inzwischen ein höchst verunsicherter, unbefriedigter und zielloser Mann im besten Alter geworden. Da konnte sie kritisieren und zu biegen versuchen, so viel sie wollte, er glitt ihr irgendwie aus den Fingern.

Natürlich versorgte sie ihn mit allem, was sie zu bieten hatte - letztlich hatte sie nach wie vor Schlüsselgewalt über sein Zuhause - und doch versagte er ihr trotzig die nötige Anerkennung, stellte ihren Gatten als Marionette hin und zeigte sich einfach nicht mehr gewillt, dem zu entsprechen, was sie von ihm erwartete, und wozu sie ihn mühsam erzogen hatte.

Was war nur geschehen, wie konnte er ihr das antun, wollte sie nicht immer das Beste für alle, für ihn, und somit auch für sich selbst?
War es am Ende nicht gut genug, was hatte sie versäumt?
Hätte sie vielleicht doch sollen...?

Aber sie liebte ihren Sohn doch, oder verachtete sie ihn inzwischen mehr, weil er sie so deutlich ablehnte?
Sie wusste es inzwischen selbst nicht mehr, und was sie tat, tat sie aus Pflicht, und wenn er nicht damit zufrieden war, sollte er eben sehen, ob er jemand fände, der ihn ebenso versorgen würde, wie sie es stets getan hatte.
Schließlich hatte sie die Maßstäbe hoch genug gesetzt, so leicht würde er es sich also sowieso nicht machen können.
Und wenn er ihr schon abtrünnig werden wollte, dann sollte er eben, sie hatte immer noch genug andere, die für ihre Dienste dankbar waren.

Er jedoch empfand sich zunehmend in der Zwickmühle. Einerseits war er es gerne gewöhnt, umsorgt und bedient zu werden, denn das bedeutete ja auch eine gewisse Sorglosigkeit und ein bequemes Leben.
Allerdings setzte ihm seine körperliche Gesundheit inzwischen deutliche Signale.

Lagen die Gründe nicht auf der Hand, oder wo war der Sündenbock, den es galt, so rasch wie möglich in die nächste Wüste zu schicken?

Die Kehrseite war, dass er krampfhaft nach dem Schlüssel für wahre und für ihn allumfassende Freiheit suchte, der ihn hätte öffnen können für seine eigene Lebendigkeit, Selbstvertrauen, ja Liebe zu sich selbst, aber auch Verletzlichkeit durch einen endlich gefundenen Zugang zu seiner und anderer Menschen Seele und echter Hingabe.

Würde das aber nicht noch mehr Angst bedeuten, Existenzangst, ein Wettlauf über die Fluten seiner eigenen Untiefen?
Und doch befand er sich unübersehbar an der vielleicht wichtigsten Wegkreuzung seines Lebens.

Doch, wo war die gute Fee, die sein Schicksal hätte wenden können?
Gab es so was überhaupt und musste er sie wirklich suchen?
Oder war er es nicht gar selbst, der sich hier unter dem grauen Dunstschleier endlich wiederfand?

So saß er da, in sich selbst versunken, um auf die so lebensnotwendige Erleuchtung zu warten.
Durchströmen sollte sie ihn wie ein nimmerendenwollender Wasserfall, erhellen sollte sie den verlorenen Schlüssel und ihm die Richtung seines Weges erkennbar machen.

Und als er endlich sein müde gewordenes Haupt langsam erhob, nahm er die Dämmerung eines neugeborenen Tages wahr.



Das Lied der Nachtigall

Es war schon spät am Abend, und der Vollmond stand bereits über den Hügeln, als die Nachtigall ihr zartes Lied begann.
Wie ein Dank an die Sonne und den zuendegegangenen Tag klang es, und zugleich wie eine Hymne an den Mond, der diese Nacht die Hügel und Wälder in einem besonderen Glanz erstrahlen ließ.
Schließlich flog sie auf den höchsten Wipfel der Hügel und sang mit klarer Stimme bis weit in die Nacht hinein.
Da vernahm sie plötzlich so etwas wie ein Echo ihres Gesangs, und doch klang es so ganz anders. Sie breitete ihre Flügel aus und ließ sich in diese Richtung gleiten, aus der sie ein Abendlied hörte, dessen Klänge sie nur zu gut kannte.

Es war ein trauriges Lied, voller Wehmut und Sehnsucht, das jedes warme Herz anrühren musste. Sie dachte bei sich: "Wer singt schon um diese Zeit, dazu noch Lieder, deren Klagen ich selbst schon gesungen habe? Das kann doch nur ein Vogel meiner eigenen Art sein. Warum er wohl so traurig ist in dieser wundervollen Nacht? Ich will nachsehen, ob ihm etwas fehlt."
Und sie flog mit Leichtigkeit und Eleganz über die Flure, bis sie am Ende eines Waldes eine kleine Hütte entdeckte. Von dort hörte sie nun deutlich das Singen, das sie so angezogen hatte.

Als sie näher heranflog, wollte sie ihren Augen kaum trauen.
Vor der Hütte stand ein großer Vogelkäfig, auf dessen Stange eine andere Nachtigall saß.
Als er sie erblickte, brach er sofort seine Sehnsuchtsmelodie ab, und sie wurde verlegen, denn es war ein Nachtigallmännchen, wie sie im Schein des Vollmondes sogleich erkannte.
Sie begriff nicht, was hier vorging, denn die Türe des Käfigs stand offen und überhaupt:
Was machte eine so schöne Nachtigall in einem Vogelkäfig, mitten in dieser idyllischen Landschaft?

Nun, sie wollte es herausfinden.
Zaghaft aber freundlich begrüßte sie ihn und bemerkte rasch, dass ihm ihre Gegenwart offensichtlich nicht unangenehm war.
Vorsichtig setzte sie sich auf die offene Käfigtür und beäugte ihn erst einmal aus sicherer Distanz. Was sie sah, gefiel ihr wohl recht gut, und sie fühlte zugleich ein Pochen in ihrem Herzen, das sie lange nicht mehr gekannt hatte.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und fragte ihn einfach, wie es dazu kam, dass er als Nachtigall in diesem Käfig lebte, obwohl er doch die Freiheit wählen konte, die sie Nacht für Nacht genoss.



Es war eine sehr lange und traurige Geschichte, die der Nachtigallmann zu berichten hatte, und doch erinnerte sie sich rasch an eigene Erlebnisse, die irgendwie ganz ähnlich waren.

In der Hütte lebte nämlich eine alte Hexe, die den Vogel irgendwann eingefangen hatte, als er verletzt vor ihrer Türe lag.
Sie nahm ihn zunächst mit in ihre Kammer, hegte und pflegte ihn gesund, gab ihm zu Fressen und zu Trinken, sodass es ihm eigentlich an nichts fehlte. Er bemerkte nicht einmal, dass sich die Farbe seiner Federn veränderte und seine Flügel immer schwerer wurden. Selbst das Singen hatte er verlernt, denn er konnte nur noch schwer atmen in der kleinen Stube.

Nun, die Hexe wollte ja nicht, dass der Vogel stirbt, schließlich hatte sie ihn gerettet, und er sollte ihr Gespiele sein, um ihren Hexenalltag ein bisschen angenehmer zu machen.
So sann sie hin und her, wie sie es wohl anstellen könnte, den Vogel vor dem nahenden Tod zu retten und ihn doch nicht gänzlich in die Freiheit zu entlassen.

Zunächst zimmerte sie aus ihren gesammelten Hölzern einen großen Käfig, tat allerlei Spielzeug hinein, um ihn bei Laune zu halten und brachte große Trink- und Futternäpfe an den Käfigstangen an.
Die Tür versah sie mit einem goldenen Schloss, denn sie wollte sicher sein, dass der Vogel sie nicht so einfach verlassen konnte.

Als nun Herr Nachtigall eines Tages in den Händen der Alten nach draußen getragen wurde, war er so geblendet vom Sonnenlicht, dass er lange nichts sehen konnte.
Und als er in den Käfig gesetzt wurde und die Hexe das Schloss vor die Tür hing, gab es kein Entrinnen mehr.

Es brauchte schon eine lange Zeit, bis er begriff, was mit ihm geschehen war, jedoch schien es eigentlich gar kein so schlechtes Los zu sein. Er konnte endlich wieder frische Luft atmen, in die Freiheit hinaussehen und hatte doch alles um sich herum, was er wohl zum Leben brauchte.
Ja, es war womöglich sogar noch besser, als den Gefahren der Wildnis ausgesetzt zu sein.

Inzwischen an das Sonnenlicht gewöhnt, betrachtete er sich zum ersten Mal in dem kleinen Spiegel, den die Hexe für ihn aufgehängt hatte. Er erschrak fast zu Tode: Er sah unförmig aus, seine Flügel hingen schlaff herunter und die Farbe seines Gefieders war aschfahl geworden.
Zaghaft seine Stimme erhebend fühlte er einen dicken Kloß in seiner Kehle und es hörte sich wohl eher an wie das Krächzen einer Krähe.

Als die Alte das nächste Mal nach ihm sah, um ihm frisches Futter zu bringen, entsetzte selbst sie der Anblick ihres aschfahlen Vogels.
In süßlicher Stimme redete sie auf ihn ein und versprach, ihm ein schönes neues Federkleid herzustellen.
Und tatsächlich: Bereits am nächsten Tag erschien sie, um ihm das anzuprobieren, was sie in ihrer Eile für ihn zurechtgeschneidert hatte.
Eigentlich hatte er das Gefühl, es sei eher wie ein Korsett, denn ein leichtes Federkleid.
Doch die Hexe ließ sich nicht beirren und meinte, es sei für ihn wie angegossen.
Außerdem würde ihn die Enge dieser schützenden Hülle auch vor allerlei Ungeziefer und irgendwelchen gefährlichen Krankheiten bewahren.
Nunja, auf den Gedanken war er noch garnicht gekommen, sie musste wohl recht haben, denn sie war ja ein höheres Wesen und er war nur ein Vogel der Nacht.

So ging es also Tag für Tag: Die Alte kam und versorgte ihn mit allem, was er zum Leben zu brauchen schien, und er nahm an, was ihm geboten wurde.
Manchmal begann er zaghaft ein Lied zu summen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Außerdem schien er all die fröhlich klingenden Melodien vergessen zu haben, die ihm früher so selbstverständlich aus der Kehle kamen.
Wenn er überhapt zum Singen in der Lage war, klang es wehmütig und traurig.
Eingeengt in das neue Federkleid konnte er kaum noch von einer Stange zur anderern hüpfen, und zum Fliegen war der Käfig sowieso zu klein.

Eines Tages hatte die Alte einen neuen Plan:
Der Vogel sollte ein bisschen Freiheit zurückerhalten, denn sie war seiner traurigen Lieder überdrüssig geworden. Da er ja kaum von einer Stange zur anderen hüpfen konnte, würde er ja wohl auch kaum davonfliegen.
Außderm war sie sich sicher, dass er inzwischen an den geschützten Raum, den sie ihm bot, gewohnt, ja sogar abhängig war.
Er würde ihr also erhalten bleiben, auch wenn sie ihm die Käfigtür öffnete. Selbst wenn er es wirklich wagen würde, den Käfig für kleinere Ausflüge zu verlassen, so würde er doch sicherlich dankbar wieder zurückkehren und die gebotene Sicherheit jeglichem Risiko vorziehen.

Und so war es auch.
Der Vogel war zunächst total verängstigt, als die Käfigtüre offen gelassen wurde, denn so konnte ja jeder zu ihm hinein.
Außerdem, was sollte er da draußen - hier hatte er alles, was er brauchte und war sicher vor Allem, was ihm vielleicht hätte schaden können.
Zudem konnte er nicht mehr fliegen - eigentlich wusste er kaum mehr, wie er seine Schwingen hätte gebrauchen können.

Und trotzdem war er neugierig, verließ dann tatsächlich jeden Tag für kurze Ausflüge seinen Käfig, war aber immer wieder überaus froh, wenn er wieder heil zurückkehrte.
Nein, das war nicht selbstverständlich.
Einige Male wurde er von wilden Tieren gejagt, verfing sich in manch dichtem Geäst und schließlich wurde er von anderen Vögeln verspottet.
Da blieb er doch lieber, wo er war, hier in seiner selbstgewählten Sicherheit, in der er bestimmen konnte, was er wann tat und ob er überhaupt jemand in seine unmittelbare Nähe ließ.



Die Nachtigallfrau war so bestürtzt und verwirrt über das Gehörte, dass sie einfach nicht wusste, was sie dazu hätte sagen sollen.
Sie empfand einerseits eine ohnmächtige Hilflosigkkeit, andererseits eine dicke hohe unsichtbare Mauer um den Nachtigallmann herum, und sie wusste nicht, ob er je bereit wäre, diese Mauer zu durchbrechen.
Nein, er tat ihr nicht nur sehr leid, sondern sie hatte vom ersten Augenblick an eine tiefe Zuneigung, Vertrauen und Geborgenheit in seiner Gegenwart empfunden.

Bevor der Morgen graute, verabschiedete sie sich von ihm und versprach, wiederzukommen, wenn er sich darüber freuen würde.

So trafen sie sich tatsächlich immer wieder, wobei er doch sehr darauf achtete, dass sie ihm nicht zu nahe kam. Er gab ihr zu seiner eigenen Sicherheit genaue Maßregeln für das, was sie tun oder nicht tun sollte und wo sie sich bei ihm aufhalten durfte.
Da gab es dann Ecken, in die sie nicht blicken sollte. Zärtliche Schnäbeleien konnte und wollte er aus Ängstlichkeit nicht zulassen. Er zeigte seine Zuneigung zu ihr aber auf andere Weise, die ihr nicht unangenehm war - im Gegenteil.
Aber die Allgegenwart des Käfigs und der alten Hexe in der Hütte war für die Vogeldame eine Herausforderung, wie sie es noch nie erlebt hatte.

Ihre regelmäßigen Treffen waren inzwischen zu einem festen Bestandteil ihres Vogelalltags geworden, und jeder freute sich auf den anderen.
Sie hatten sich vorgenommen, einfach ihre gemeinsamen Zeiten zu genießen.
Und dennoch kam es vor, dass beide, wenn sie sich verabschiedet hatten, eine gewisse Traurigkeit überfiel. Ihn, weil er nicht wusste, wie er sich ein glücklicheres Leben verschaffen sollte, und sie, weil sie ihn in seinen Unfreiheiten zurücklassen musste.

Für sie war es ja selbst noch nicht sehr lange her, dass sie sich aus einer bedrohlichen Gefangenschaft befreien konnte. Deshalb war sie nun so dankbar, das Lebendigsein in seiner Vielfalt einfach zu genießen und aus allem das Beste zu machen.
Durch die Begegnung vor der Hütte aber fühlte sie sich hin- und hergerissen, wollte dem Nachtigallmann so gerne sein falsches Federkleid herunterreißen, damit er wieder frei fliegen könnte, wollte ihn gerne fortlocken und ihm all die liebenswerten Schönheiten in Freiheit zeigen.
Und doch wusste sie, dass sie nicht dazu berufen war, ihn zu befreien, solange er es nicht selbst wollte.

So saß sie eines abends weinend auf ihrem Baumwipfel und sang ihre Melodien, die sich auf einmal seltsam anhörten.
Sie spürte, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle breitmachte, und es klang nach Sehnsucht, nach Wehmut, dieses Lied, das über die Wälder und Hügel bis zu der kleinen Hütte getragen wurde.

Lange saß sie noch so da, der Mond war bereits hinter den Bergen versunken, als sie plötzlich ein kräftiges Flügelschlagen hinter sich vernahm.
Sie wagte es kaum, sich umzudrehen, da fühlte sie auch schon, wie sich ein Flügelpaar über sie ausbreitete, und sie fürchtete ihr nahes Ende.
Da hob der Vogel hinter ihr eine Hymne auf diese zuendegehende Nacht an, wie sie es nie schöner und klarer gehört hatte.

Sie wusste nicht, wie ihr geschah und was alles passiert war.
Zu vertraut war ihr der Geruch des Nachtigallmannes, und sie ließ sich einfach in seinen Flügelarmen fallen, ohne viel zu denken.

Unendlich genossen die Beiden diese Ewigkeiten, die so kostbar, überwältigend und wundersam waren.

So kam es, dass selbst die aufgehende Sonne sich über den ungewöhnlichen Gesang wunderte, ehe die beiden endlich in einen seligen Schlaf verfielen.


Antonellas neues Kleid

Antonella war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen.
Der Vater hatte die junge Familie schon früh verlassen und fand ein neues Glück.
Die Mutter, die nie einen Beruf erlernen durfte, war inzwischen arm wie eine Kirchenmaus. Und weil sie sich keine Neuanschaffungen leisten konnte, zog sie ihrem kleinen Mädchen abgetragene Kleider an von Leuten, die sich durch Kleiderspenden das Gewissen erleichtern wollten. Denn solche Menschen waren in der Lage, ihre Kinder immerfort neu einzukleiden.

Nein, der Überlebenskampf für die Beiden war nie leicht.
Was sie zum Essen brauchten, bauten sie in ihrem Garten selber an, der im Übrigen sehr gepflegt war und in jeder Jahreszeit eine Blütenpracht hervorzauberte.

Was in und ums Haus zu reparieren war, wurde nach Möglichkeit ohne handwerkliche Hilfe bewerkstelligt, den es gab nie übriges Geld.
Und so half man sich natürlich auch unter Nachbarn und Verwandten hin und her aus, was einerseits Erleichterung und andererseits Verpflichtung bedeutete.
Für den Winter wurde jedes Jahr Holz und Tannenzapfen gesammelt. Weit und mühsam war der Weg in die nächstliegenden Wälder, und das Aufarbeiten des von Hand geschlagenen Holzes eigentlich eine schweißtreibende Männerarbeit.

Der Großvater aber, in dessen Haus Antonella und ihre Mutter wohnen durften, war gesundheitlich so angeschlagen, dass jegliche körperliche und seelische Belastung für ihn den Tod bringen konnte.

Antonella war von Natur aus eigentlich ein fröhliches, lebendiges und kluges Mädchen, die nur so vor Energie und Phantasie strotzte.
Aber die finanziellen und moralisch-religiösen Einschränkungen waren für sie mindestens so schlimm, wie die Tatsache, dass sie eigentlich nie richtig Kind sein durfte. Sie durfte nie richtig toben und ausgelassen sein, wie es ihrer Natur entsprach, und sie hatte auch keine Geschwister zum Spielen.

So war ihre einzige Zuflucht das Meer, in dessen Fluten sie sich geborgen fühlte.
Dort fand sie auch andere Kinder, mit denen sie sich vergnügte, und das gab ihr all das, was sie zu Hause entbehrte: Leichtigkeit, Glück und Zufriedenheit.
Aber sie kannte noch nicht die Gefahren, die die Tiefen bedeuteten, wenn man sich zu weit hinauswagte, ohne richtig schwimmen zu können.

Sobald sie zurückkehren musste, war ihre Leichtigkeit schnell verflogen und sie zeigte sich wieder als anständiges, ruhiges Mädchen.
Natürlich liebten ihre Mutter und die Großeltern den kleinen schwarzhaarigen Wuschelkopt, aber sie hatten selbst zu kämpfen. Ohne Rücksicht aufeinander und auf die möglichen Umstände war kein Zusammenleben möglich.

Antonella musste natürlich auch jeden Sonntag mit zur Kirche.
Oft genug schlief sie dabei an der Schulter ihrer Mutter ein, aber das störte offensichtlich niemand um sie herum.
Hauptsache, sie wurden regelmäßig in der Kirchenbank gesehen und man konnte registrieren, dass Antonella ein wohlerzogenes, frommes Kind war.
Nicht, dass das Mädchen nicht an Gott geglaubt hätte.
Nein, es war ihr sehr wichtig, zu wissen, dass es ein höheres Wesen gab, das es trotz aller Armut und sonstigen Einschränkungen gut mit den Menschen meinte.
Oft aber war sie sehr enttäuscht, weil sie für sich feststellte, dass es doch offensichtlich den einen Gläubigen so viel besser ging, als den anderen.
Aber das war ja wohl schon fast gotteslästerliches Denken - also, schnell weg damit.

Eines Tages, als die Großeltern längst gestorben waren, genehmigte sich ihre Mutter den ersten Erholungsurlaub von ihrer vielseitigen und schweren Arbeit, um mit ihrer Tochter ein paar Tage am Meer zu verbringen.
Antonella war inzwischen ein heranreifendes, hübsches Mädchen geworden. Aber sie hatte längst ihr unbeschwertes, leidenschaftliches Wesen in sich so weit verdrängt, dass es niemand mehr störte. Ja, sie selbst vermisste es wohl kaum mehr. Und nur ganz selten überkam sie eine seltsame Unruhe, wie Heranwachsende das wohl manchesmal so an sich haben.

Nun, die Tage an ihrem geliebten Meer waren wunderschön.
Es war herrlich warm, Vögel kreisten unbeschwert über ihr, und die Sehnsucht nach Freiheit zog sie ins Wasser, wo manche Fische ihre nackten Beine umspielten.
Leider hatte sie immer noch nicht richtig schwimmen gelernt. Das machte ihr schon ein bisschen Angst, denn selbst in Ufernähe gab es immer wieder Stellen im Wasser, die tiefer waren als andere.
Und als sie so im wohligen Wasser auf ihre Mutter zulief, verlor sie plötzlich jeglichen Bodenkontakt! Sie trudelte unter, ihre Mutter zog sie hoch , verlor dabei selbst ihre Kontrolle und verlor ihre Tochter fast wieder unter Wasser. Antonella und ihre Mutter schrieen abwechselnd um Hilfe, sobald sie die Wasseroberfläche erreichten, aber niemand erkannte zunächst den Ernst.
Sie schluckten Wasser, ihre Kräfte begannen zu schwinden - ihre Hilflosigkeit schien endlos! Doch plötzlich kamen ein paar kräftige Männer herangeeilt, die sie ans nahe Ufer zogen - sie wären sonst beide verloren gewesen.

Völlig entkräftet und benommen lag Antonella im Gras, immer noch Wasser spuckend.
Sie fühlte sich halbtot.
Jetzt war sie also auch von den Meeresfluten, die magisch anzogen, getäuscht und verängstigt worden.
Wohin sollte sie in Zukunft gehen, um mit sich selber wieder in Kontakt zu kommen? Wer würde das zurückgeben, was sie längst verloren hatte?

Vergeblich suchte sie dauerhaftes Glück und Seelenfrieden in den Jahren ihrer zartesten Blüte. Sie geriet vertrauensselig an die falschen Leute und fühlte sich wie eine Verirrte an einer unbeschilderten Kreuzung.

Was sie sich aber in jungen Jahren bereits geschworen hatte, löste sie mit ihrem ersten, selbstverdienten Geld ein: Sie kaufte ihrer Mutter ein schönes, neues Kleid!
Kleider hatten für Antonella schon immer eine besondere Bedeutung. Man konnte sich damit verändern, wenigstens äußerlich, und man konnte doch Manches damit darstellen, was so vielleicht vom eigenen Inneren her nicht vorhanden war.

Antonella war überglücklich, dass sie ihrer Mutter endlich etwas zurückgeben konnte, hatte diese doch ihr ganzes gemeinsames Leben auf jegliche Annehmlichkeiten verzichtet.

Rasch gingen die nächsten Jahre ins Land. Antonella heiratete Enrico und bekam viele kleine Bambinis von ihm.
Der Kreis begann sich für sie wieder zu schließen.
Sie mussten sparen und Reparaturen in und ums Haus selber bewerkstelligen.
Sie gingen mit den Kindern jeden Sonntag zur Kirche.
Ihren größer werdenden Kindern mussten sie abgetragene Kleider anziehen.

Inzwischen hatte Antonella ihre äußere Schönheit verloren. Wenn sie sich im Spiegel sah, erschrak sie und fühlte sich wie gelähmt - eine Gefangene ihres Schicksals.

Eines Tages stand wieder einmal ihr Geburtstag vor der Tür und ihr sehnlichster Wunsch war, ein neues, maßgeschneidertes Kleid.
Es sollte etwas ganz Besonderes werden und alle durften ihr Scherflein dazu beitragen.
Die Schneiderin und ein erster Termin waren schnell gewählt.
Nur, alle wollten gerne mitberaten, mitaussuchen, wollten die Tochter, Ehefrau und Mutter ganz besonders und nach ihren jeweiligen Vorstellungen eingekleidet sehen!

Die Schneiderin war doch reichlich verwirrt, als sie diesen Menschenauflauf um Antonella sah. Und alles nur wegen eines einzigen Kleides!
Die Mutter wünschte sich natürlich dezente Farben, und das Kleid sollte anständig lang sein.
Enrico allerdings bevorzugte eine anzügliche Kürze und einen gewagt dekolletierten Ausschnitt.
Die Kinder schließlich waren entschieden für leuchtende Farben und einen legeren Folkolreschnitt.

Antonella war der ganze Auftritt ziemlich peinlich. Sie hoffte, dass die Schneiderin mit Diplomatie und dem nötigen Blick für ihr Äußeres schon den richtigen Verschnitt finden würde, inmitten all dieser verschiedenen Wunschvorstellungen.

Sieben lange Wochen waren vergangen, als die Schneiderin die Fertigstellung dieses Geburtstagskleides übermittelte.
Wieder wollten alle dabei sein, um zu bewundern, was sie für Antonella ausgesucht hatten.
Doch Antonella wurde kreidebleich bei der Anprobe. Sie hatte das Gefühl, ihr müsse das Herz zerspringen und rang nach Atem!
Die Schneiderin hatte natürlich alles Erdenkliche getan, um den verschiedenen Ansprüchen Rechnung zu tragen.
Aber das, was Antonella nun an ihrem Körper trug, war nichts, was ihr auch nur im Entferntesten gefallen hätte.

Als sie wieder zu Kräften kam, ging sie ohne ein Wort des Danks hinaus. Sie fing an zu laufen und rannte schließlich so lange, bis sie endlich am Meeresufer war.
Dort riss sie sich dieses angepasste Kleid vom Leib und sprang in die warmen Fluten.
Sie schwamm ohne Mühe und ohne Angst der untergehenden Sonne entgegen, tauchte schließlich unter und ward nicht mehr gesehen.

Die Familie, inzwischen laut schreiend am Ufer angelangt, stand da: weinend, laut gestikulierend und völlig verzweifelt.
Mit Hilfe von Tauchern suchten sie daraufhin die Ganze Gegen ab - Antonella aber blieb spurlos verschwunden.

Ihre Kinder aber blieben 7 Tage und 7 Nächte weinend am Ufer zurück und konnten nicht glauben, dass ihre Mutter sie wirklich verlassen hatte.
Und tatsächlich: In der 7. Nacht tauchte sie aus den Fluten auf! Ihre Kinder erkannten sie kaum wieder!
Sie verbrachten singend, spielend und lachend viele Stunden des Glücks, bis zum Morgengrauen.

Antonella war zu einer wunderschönen Nixe geworden.
So wusste sie, dass sie verloren wäre, wenn sie nicht rechtzeitig vor Sonnenaufgang wieder in den Fluten untertauchte.

Der Abschied fiel für die Kinder und für Antonella sehr schwer. Aber sie versprach ihnen, in jeder 7. Nacht wiederzukehren.

Und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag.
In jenen Nächten lernten die Kinder von ihrer Mutter all die Lebensweisheiten dieser Erde.
So wuchsen sie zu tüchtigen Menschen heran, die ihren Verstand gebrauchen konnten und in friedlichem Einklang mit ihrer Seele lebten.

Man sagt, dass sie die besten Schwimmer der ganzen Meeresküste geworden sind und letztlich jeder eine glückliche Familie gegründet hat.

Antonella aber kehrte regelmäßig zurück, um mit ihren Lieben zusammenzusein und gemeinsame Zeiten zu genießen.
Und wenn ihre Zeit gekommen war, tauchte sie in die Fluten, um Eins zu sein mit ihrem Element, um nach der Zeit gestärkt wiederzukehren.




Der starke Löwe, der stolze Pfau und der bockige Esel

Kannst Du Dir vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der die Tiere zusammenlebten, ohne sich gegenseitig aufzufressen?

Es muss schon sehr lange her gewesen sein, als ein kleiner Löwe feste Freundschaft schloss mit einem jungen Pfau und einem bockigen Esel.
Es war urkomisch, die drei ungleichen Freunde zu beobachten, wenn sie in ihre Spielereien vertieft waren. Schließlich waren sie ja ganz unterschiedlich geprägt, und trotzdem fanden sie immer wieder tolle Möglichkeiten, etwas miteinander zu unternehmen.

Nun, der Löwe ist ja von Natur aus ein sehr starker und selbstbewusster Bursche, auf den man einfach zählen kann.
Er muss es auch gewesen sein, der das Trio immer wieder zusammengebracht hatte, für neue Ideen sorgte und darauf bedacht war, dass diese sonderbare Freundschaft über viele, unzählige Jahre hielt.

Der Pfau, naja, war eben doch sehr mit sich selber beschäftigt. Seine Schönheit, sein herausragendes Wissen und die vielen wichtigen Verbindungen zu anderen höher gestellten Wesen wollten gepflegt sein. Da war es dann für ihn schon manchmal eine Zumutung, mit diesem Esel und einem Löwen, dem er wohl nie das Wasser reichen können würde, seine kostbare Zeit zu teilen.

Der Esel hingegen fühlte sich im Allgemeinen sehr geschmeichelt, dass er solch tolle Freunde hatte. Seine Artverwandten waren jedenfalls sehr neidisch, und so sonnte er sich in dieser Selbstverständlichkeit, mit der sich die 3 Freunde immer wieder zum gemeinsamen Spiel an ihren Lieblingsplätzen einfanden.

Als die Drei so langsam erwachsen wurden, entdeckte jeder, mehr oder weniger schnell, dass da unter ihrer eigenen Tierart eine Anziehungskraft vorhanden war, die doch stärker war. als alles andere, und die musste erst einmal erforscht werden.

So entdeckte der Löwe, der inzwischen ein rassiges Tier geworden war, eines Tages eine bezaubernde Löwin unter einem Busch, und natürlich verliebte er sich unsterblich in sie.
Klar, dass er nun nicht mehr so viel Freizeit hatte, denn sein ganzes Interesse galt nun dieser jungen Löwendame.

Der Pfau schaute sich wohl auch um, ob es da wohl irgend jemand gäbe, die seinen hohen Ansprüchen genügen könnte.
Nun, es war wohl keine schön und klug genug für ihn, und außerdem wollte er seine kostbare Zeit auch nicht einfach so für eine Brautschau verplempern.

Und der Esel - nun, es dauerte zwar noch eine ganze Weile, aber irgendwann hatte er Glück.
Er wurde zum Lebensretter einer silbergrauen Eselin, die sich in den Bergen hoffnungslos verlaufen hatte.
So kam es, wie es kommen musste.
Die Beiden wurden schnell ein unzertrennliches Paar, bekamen mit den Jahren 2 niedliche Fohlen und präsentierten sich als glückliche Familie.

Der Löwe, der Pfau und der Esel trafen sich natürlich in jener Zeit nicht mehr so oft, und irgendwie waren ihnen auch die Ideen für tolle Spiele so ein bisschen verlorengegangen.
Sie waren ja keine Tierkinder mehr, und so mussten sie erst einmal lange überlegen, ob es überhaupt noch etwas gäbe, was sie gerne gemeinsam tun wollten.
Und so war es erstaunlich, dass der Löwe doch immer wieder eine zündende Idee hatte, mit der er seine Freunde begeisterte. Deshalb traf sich das Trio auch in jener Zeit immer wieder, um sich auszutauschen und auch spielerisch ihre Freundschaft zu pflegen.

Leider fand der Pfau auch in der Zukunft zu keiner Pfauendame, warum auch immer.
Eigentlich war es ihm so ganz recht. Er hatte immerhin keinen Beziehungsstress, wie es der Löwe offensichtlich immer wieder hatte.
Der genoss es inzwischen, wenn junge Löwendamen ihn umscharten und er sich auswählen konnte, welche er wann und wie lange in seiner Nähe duldete.
Aber er blieb natürlich nicht ganz verschont von manchen emotionalen Verletzungen.
Ja, doch, auch ein Löwe kann Emotionen haben, vor Allem dann, wenn er plötzlich von seiner liebgewonnen Löwin nicht mehr genug geachtet wird, oder wenn er irgendwann entdeckt, dass er sich in seiner Löwenmännlichkeit ausgenutzt fühlt und nicht mehr genug zurück bekommt, was ihn hätte noch einigermaßen aufrecht gehen lassen.

Insofern war der Pfau wirklich erleichtert, weil er sich eben nicht so einfach in ein Liebesabenteuer stürzte, aus dem es womöglich nicht mehr so schnell ein Entrinnen gab.

Der Esel hatte offensichtlich das beste Los gezogen.
Er hatte eine Familie, die zu ihm hielt und ihn bewunderte, auch wenn er manchmal etwas dumm und bockig war.
Aber er war fleißig, ließ sich von seiner Frau umsorgen und schaute darauf, dass seine Kinder groß wurden.
Vielleicht hätte er manchmal etwas mehr Strenge an den Tag legen sollen, aber er war eben ein gutmütiger Kerl.
So wurde er hin und wieder von seiner Frau und den Kinder ausgenutzt, aber man konnte ja nicht in allem Glück haben.

Manchmal erzählte er dem Löwen davon, und der gab ihm die passenden Ratschläge.
Aber irgendwie fand er nicht die Kurve, die bestimmt wichtigen und richtigen Tips auch umzusetzen.
So blieb eben alles beim Alten, und die Zeit sollte wohl die paar Wunden heilen, die sich in ihm manchmal auftaten.

Der Löwe hatte inzwischen so viele Löwenfrauen kennengelernt, dass er sie schon gar nicht mehr zählen konnte.
Nun, für ihn war das nicht so wichtig, er hatte einfach alles genossen, was es zu genießen gab, hatte sich seine Unabhängigkeit bewahrt, war keine größeren Verpflichtungen eingegangen. Eigentlich hätte es ihm doch gut gehen müssen, oder?!

Nach wie vor sorgte vor Allem er dafür, dass die Freundschaft der Dreien auf wunderliche Weise bestehen blieb, aber irgendwann war es ihm zu dumm.
Eigentlich hatte er nun wirklich lang genug für ihr Zusammenhalten gesorgt, und das war gewiss nicht einfach gewesen.
Der Pfau nämlich prahlte immer mehr mit seinen tollen Verbindungen zu anderen, höheren Tieren, und wenn schon der Pfau nicht mehr dabei sein wollte, fand es der Esel offensichtlich zu mühsam, sich nur wegen ihm, dem Löwen, auf den Weg zu machen, weg von seinem bequemen Zuhause.
So jedenfalls hatte der Löwe auch keine Lust mehr. Jetzt sollten erst mal Pfau und Esel beweisen, was ihnen überhaupt noch an der Freundschaft lag, ob ihnen überhaupt noch etwas an ihm, dem Löwen, lag.

Eines Tages - es war schon eine ganze Weile so, dass der Löwe alleine lebte - kam es, wie es kommen musste:
Er wurde krank und fühlte sich einsam und verlassen.
So sehr er sich auch wünschte, dass wenigstens der Esel sich nach ihm erkundigte, vom Pfauen wagte er es schon gar nicht zu erwarten: Es geschah nichts!
Einzig und allein seine Mutter kümmerte sich ab und zu um ihn, und das wohl auch mehr aus Pflichtbewusstsein ihrem Jungen gegenüber. Und darauf konnte er sowieso verzichten.
Die Alte sollte sich lieber um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, denn da war es nicht zum Besten bestellt.
So ärgerte er sich eher noch über ihr ständiges Einmischen in seine Privatsphäre, auch, wenn Manches für ihn ja gar nicht so unbequem war.
Aber seine Unabhängigkeit und seinen Stolz hatte er damit eingebüßt, denn von nun an achtete die Löwenmutter wieder darauf, dass seine elementarsten Bedürfnisse befriedigt wurden. Sie brachte ihm die besten Leckerbissen, hielt seine Umgebung sauber und verwöhnte ihn, wo es nur ging.
Natürlich wehrte er sich gegen ihre neugewonnene Macht, hatte keine Lust, sich für ihre Dienste überschwänglich bedanken zu müssen und war froh, wenn sie endlich wieder weg war.
Die Leere aber, die in ihm zurückblieb, wurde zunehmend unerträglich.
Wo waren denn seine Freunde, um die er sich jahrzehntelang gekümmert hatte, wo all die Löwendamen, die ihn zur Genüge bedient hatten?

Er hatte einfach keine Lust mehr auf das, was ihm früher so selbstverständlich war.
Seine Freunde sollten endlich einmal die Initiative ergreifen und seinen bisherigen Part ersetzen!
Die vielen Löwendamen allerdings konnten ihm erst einmal gestohlen bleiben.
Es war offenbar keine dazu fähig, ihm das zu geben, was er gerade jetzt so dringend brauchte.
Die Zeiten hatten sich geändert, und was ihm früher alles bedeutete, hinterließ nun Leere und einen bitteren Nachgeschmack.

Eigentlich sehnte er sich danach, endlich von seinen seltenen Streifzügen nach Hause zu kommen, eine Familie zu haben, wahre Liebe zu erleben, was für ihn immer noch ein Fremdwort war.
Aber so einfach war das nicht, oder doch?
Da gab es Manches, was er inzwischen erkannt hatte und wovon er auch wusste, dass er es ändern musste, um sein Glück, seinen Frieden zu finden.
Auf seine Freunde wollte er nicht mehr so recht zählen, denn da war er schon oft genug enttäuscht worden.
Und sich einfach nur bedienen zu lassen und dann unendlich dankbar sein zu müssen, war ihm ebenso ein Greuel geworden.

Also ging es um seine eigene Substanz, das war ihm längst klar.
Er wusste zwar, dass er zu Vielem fähig war und auch viel leisten konnte, aber er bekam nicht die für ihn nötige Anerkennung.
Wo also war die Lösung? Andere kann man meist schlecht ändern, sich selber schon eher. Und wenn man weiß, was man wirklich sucht, hat man schon einmal ein gutes Ziel.

So war es also, als ich diesem Löwen zuletzt begegnete.
Er saß auf seinem sonnenbeschienen Felsen und dachte lange nach, und wenn es mich nicht täuschte, erkannte ich ein zaghaftes Lächeln hinter seinem Löwenbart.

Niemand weiß etwas Genaueres, was aus ihm und seinen Freunden geworden ist. Aber man erzählt sich, dass er lange Zeit später auf wundersame Weise zu seiner Urnatur zurückgefunden hat:
Stark, männlich, verantwortungsvoll und selbstbewusst.





Die ungleichen Menschen

In der endlosen Weite der fruchtbaren Ebene lebten sie, dieses Volk von aufrecht gehenden, fröhlichen Menschen, denen es einfach an nichts Wesentlichem mangelte.
Aber was ist schon Wesentlich in einem Menschenleben, wenn nicht die Freiheit jedes Einzelnen, gegenseitige Rücksichtnahme ohne Falschheit und eine tiefe Liebe zunächst zu sich selbst. Dann kann dieses Glück mit anderen geteilt werden, in echter Hingabe und Anteilnahme an den Mitmenschen und der Umwelt.

So lebten diese Leute also. Jeder bemühte sich, ohne sich deshalb extra anstrengen zu müssen.
Intuitiv versuchten sie, das Richtige im richtigen Moment zu tun oder zu lassen, und wenn es mal nicht gelang, vergruben sie sich nicht in Selbstvorwürfen, sondern lebten von der Vergebung untereinander und zu sich selbst.
Das machte dieses Völkchen so zufrieden und ausgelassen, denn sie konnten mit all ihren Sinnen ihr Leben einfach genießen.
Sie erwirtschafteten ihre Güter, Lebensmittel und was sonst so nötig war, selbst. Sie bauten ihre Häuser und Brunnen, Windmühlen und Solardächer und achteten darauf, die Schätze der Natur nicht rücksichtslos auszubeuten.

Männer und Frauen warben umeinander. Es gab keine Werteunterschiede und keine festgelegten Rollen, außer, dass nach wie vor die Frauen die Kinder gebaren.
Es war kein Privileg der Frauen, schwach und gefühlvoll sein zu dürfen, sich einem Partner liebevoll hinzugeben und ganzheitlich mit sich selbst und der Umwelt in Einklang zu stehen.
Nein, die Männer hatten in den vergangenen Generationen viel von den Frauen gelernt, weil sie empfunden und entdeckt hatten, dass sie so allesamt besser zusammenleben konnten und sie glücklicher und zufriedener waren.

Ebenso war es nicht nur eine Eigenart der Männer, verantwortlich zu handeln, Stärke und Entscheidungswichtigkeiten im Alltag umzusetzen und auch Versand und Logik walten zu lassen, wo es angebracht war.
Das waren jene Anteile, die sich die Frauen inzwischen angeeignet hatten. Auch sie fühlten sich längst innerlich runder, ausgeglichener, unabhängig und, ja, einfach harmonisiert.

Die Kinder konnten es sich gar nicht vorstellen, dass es jemals anders gewesen sein könnte.
Und wenn ihre Urgroßeltern davon erzählten, wurden sie traurig und schüttelten unverständig die Köpfe.

Nun trug es sich eines Tages zu, dass einige Wanderer durch ihre Ebene zogen.
Gerne wurden sie als Gäste eingeladen, um bei dem fröhlichen Völkchen eine Zeit lang zu verweilen. Sie aßen und tranken miteinander, um dann irgendwann wieder neu gestärkt ihren Weg weiterzuziehen.

Eines Abends erzählten sie in einer großen Runde während des gemeinsamen Mahls von Bewohnern jenseits der nördlichen Berge, die so ganz anders lebten und geartet waren.
Von dort waren die Wanderer regelrecht geflüchtet, denn es waren unzufriedene, scheinheilige und moralisch sehr eng geprägte Leute.
Überall in jener Gegend waren Ge- und Verbotsschilder angebracht, in den Häusern galten strenge Regeln für das Zusammenleben. In der Mitte der Ansiedlung gab es neben besonders beauftragten Gesetzeshütern auch eine Art Gefängnis für besonders schlimme Menschen, die sich nicht an die entsprechenden Vorschriften gehalten hatten.

Viele der Leute machten zwar zunächst einen sehr freundlichen und immerfort strahlenden Eindruck. Bei längerer Betrachtung und Gegenwart war aber nicht zu verkennen, dass ihre Mimik unnatürlich eingefroren und ihr Wesen auf Dauer recht viel Unzufriedenheit ausstrahlte.
Keiner dieser Leute lebte Freiheit in Liebe aus sich selber heraus und den Mitmenschen und der Umwelt gegenüber. Für alles und jedes gab es genaue Maßregelungen, die unbedingt eingehalten werden mussten.
Nur so konnte der Fortbestand dieses eingeengt lebenden Volkes garantiert werden.

Sorgenvoll und mühselig war ihr Leben, hart und niederdrückend ihre Arbeiten, und man sah an ihrer gebückten Haltung schon von Weitem ihre Lasten an, die sie täglich in und auf sich herumzuschleppen hatten.
Auch waren sie darauf bedacht, alles für ihren Lebenserhalt Notwendige selbst herzustellen, lebten extrem gesundheitsbewusst, aber jeder Einzelne irgendwie isoliert.
Überall begegnete man sorgenvollen und ängstlichen Gesichtern und es gab keine echte Offenheit und befreiende Liebe untereinander.
Jeder war bemüht, seine Last in innerer und teilweise auch äußerer Einsamkeit zu ertragen und sich zum Eigenerhalt an alle notwendigen Regeln zu halten.

Nun, die Männer hatten seit Urgenerationen das Sagen, trafen Entscheidungen, ohne auf so etwas wie eine innere Stimme oder Gefühlsduselei achten zu müssen. Sie gingen tagsüber ihren Arbeiten nach und ließen sich zu Hause von den Frauen verwöhnen.
Keiner kam je auf den Gedanken, seiner Frau einmal etwas abzunehmen, sie zu verwöhnen, geschweige denn, sich dafür zu interessieren, wie denn ihr Alltag aussah und was sie sich wünschte.
Sie führten sich auf wie Paschas, die gerne vom Nehmen und Verwöhntwerden lebten. Die Frauen hatten sich mit dem zu begnügen, was ihnen von ihren Männern geboten wurde.

So sorgten also die Frauen von früh morgens bis spät abends für das Wohl der Familie: für ein schönes Zuhause, für frische Wäsche, gutes Essen, wohlerzogene Kinder und zufriedene Männer, die am nächsten Tag wieder hinausziehen und draußen für den Broterwerb sorgen konnten.

Die Kinder wurden streng erzogen, damit sie nicht vom einzig richtigen Weg abkamen, und je nach Geschlecht verloren sie sich sehr rasch in den Fußstapfen ihrer Eltern.

So war es schon immer, und so sollte es auch bleiben.
Wenn Freunde zu ihnen kamen, wurden sie zwar selbstverständlich aufgenommen, den es gehörte sich so.
Aber sie mussten sich sehr rasch an dortige Gegebenheiten anpassen, wenn sie bei ihnen bleiben wollten.
Sonst hätten sie das ganze Zusammenleben in Frage gestellt.

Dieses Volk war einfach im Herzen erkaltet, seelenlos. Wirklich positive Gefühle waren ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten und wollten. Ihr Leben war ja geprägt von Sorge und Ängstlichkeit auch allem Fremden und jeglichem Risiko gegenüber.
Freiheit bedeutete für sie Ungewissheit und neue Angst, als würde man ihnen den Boden unter ihren Füßen wegziehen.

Schweigend und tief betroffen hatten sich die Bewohner der Ebene den Bericht der Wanderer angehört. Wie gerne würden sie ihr Lächeln, ihre Liebe, ihre Offenheit in die Berge tragen zu den Menschen, die dies offenbar nicht kannten und nicht zu leben wagten.
Aber würden sie überhaupt aufgenommen werden? Würde man sie anhören, und war es überhaupt ihre Mission, andere von der eigenen Lebensweise zu überzeugen?

Bei allen Überlegungen hin und her kamen sie letztlich zu dem Schluss, dass es nicht ihrem freiheitlichen Denken entsprach, loszuziehen um andere Menschen zu missionieren, es sei denn, es würde sich auf irgendeine natürliche Art und Weise ergeben, dass sie ihre Art zu leben und zu lieben weitervermitteln könnten.
Tatsächlich begegneten sich eines schönen Tages einige aus den Bergen und aus der Ebene rein zufällig an dem auf ihrer Grenze liegenden Fluss, von dessen Wasser beide Völker abhängig waren.
Freundlich aber kritisch schauten die einen herüber, freundlich und herzlich winkten die anderen hinüber. Beide schöpften sie von dem kostbaren Nass, badeten in den erfrischenden Fluten, lachten und vergnügten sich, als würde es nie etwas Beglückenderes geben.
Fröhlich tanzend kehrten die einen in ihre Ebene zurück, dankbar und gebückt bestiegen die anderen ihre Berge.

In ihren Lagern angekommen berichteten sie jeweils von ihrer unbeabsichtigten Begegnung mit den Anderen und entsprechend ihrer Art fielen auch die Reaktionen ganz unterschiedlich aus.
Während das Volk der Ebene sehr erfreut darüber war, dass es auf diese ungezwungene Weise überhaupt einmal zu einer Berührung zwischen den beiden so unterschiedlichen Völkern gekommen war, warnten die Bergmenschen ihre Bewohner vor einem weiteren Zusammentreffen an diesem Fluss.
Man müsse, so sagten sie, zuerst einmal einen Rhythmus feststellen, in dem die Anderen an den Fluss gingen, um so ein weiteres und ungewolltes Begegnen auszuschließen. Es dürfe einfach keinen Austausch in irgendeiner Form mit Andersdenkenden geben, denn das sei schon ein Frevel an sich, und darauf könne kein Segen für ihre Volk liegen.

Natürlich war es nun so, dass diese Bergmenschen, die rein zufällig am Fluss auf die Ande3ren gestoßen waren, ein schlechtes Gewissen haben mussten. Eigenartigerweise verspürten sie unweigerlich das Bedürfnis, sich nicht weiterhin gänzlich dem Volkeswillen zu unterwerfen, denn sie hofften inständig auf einen weiteren Zufall am Fluss.

Inzwischen waren die Leute der Ebene auf die Idee gekommen, sich kleine Holzboote zu bauen, einfach so, um ein wenig auf dem Fluss fahren zu können, vielleicht vom Boot aus zu fischen, oder gar einmal ans andere Flussufer zu kommen. Ja, sie würden sich wirklich freuen, wenn es doch wenigstens einmal zu einem vorsichtigen Austausch mit den Bergleuten käme.

So verging die Zeit auf beiden Seiten des Ufers, und es glaubte schon Keiner mehr daran, jemals die Anderen wieder zu Gesicht zu bekommen.

Und doch geschah eines Tages das Wunder, als die Einen gerade ihre Boote bestiegen, um Fische zu fangen.
Hinter den Büschen des anderen Flussufers traten plötzlich einige Leute hervor und beobachteten interessiert das bunte Treiben.
Ja, sie erkannten sich wieder, auch wenn ihre erste Begegnung schon sehr lange her war.
Gegen Abend wurden auf der einen Seite des Ufers ein Lagerfeuer entzündet, um die gefangenen Fische zu braten.

Noch lange saßen die Leute in gemütlicher Runde, waren guter Dinge, sangen, aßen, tranken, und waren einfach dankbar für einen schönen, zu Ende gehenden Tag.

Für die Bergmenschen wurde es ein abenteuerlicher Rückmarsch, denn es war längst Nacht geworden, als sie sich heimlich in ihre Häuser schlichen und allerlei Ausreden für ihre Wegbleiben erfinden mussten.
Jedoch, ohne viel darüber geredet zu haben, waren sie sich wohl alle darin einig, dass sich solch ein Ausflug zum Fluss baldmöglichst wiederholen sollte.
Es faszinierte sie einfach, wie diese Leute dort unten lebten und miteinander umgingen, so ungezwungen, fröhlich, achtungsvoll.
Das hatten sie ja so noch nie in ihren Bergen erlebt, und sie erkannten eine starke Sehnsucht in sich, die ihnen fremd, ja fast unheimlich und doch sehr erwärmend war.

So dauerte es nicht lange, bis die Verschwörer sich zu ihrem nächsten Abenteuer zu Fluss aufmachten, nicht, ohne sich eventueller Repressalien von Seiten ihres eigenen Volkes bewusst zu sein.
Sie mussten einfach so handeln, koste es, was es wolle!

Schon bald bemerkten sie, wie ihre Füße einen leicht beschwingten Gang annahmen, ihre Herzen immer aufgeregter schlugen und ihre Gesichter sich auf unerklärliche Weise aufhellte, Nein, dieses Mal versteckten sie sich nicht erst hinter Büschen, sondern trafen sofort ans Ufer, zogen sich splitternackt sud und ließen sich einfach in die prickelnden Fluten fallen.
So, sich selbst vergessend, ließen sie sich auch nicht stören, als auf der anderen Uferseite die ersten der Ebene eintrafen, um sich ebenso in ihrem gemeinsamen Fluss zu vergnügen.
Eigenartigerweise verspürten sie nicht einmal Berührungsängste, sondern lebten einfach ein unbeschreibliches Vergnügen, völlig losgelöste von Allem, was sie seither gefangengehalten hatte.

Später wurden sie eingeladen, auf den Booten mitzufahren, und als es Abend wurde, waren sie Gäste am Lagerfeuer auf der anderen Flussseite.

Es war schon nach Mitternacht, als sie sich endlich in ihre Berge aufmachten, und der Gang fiel ihnen wirklich sehr schwer. Aber sie waren tief in ihrem Herzen genauso beglückt, wie die Leute der Ebene, die kaum aufhören konnten, in ihren Häusern von dieser wundersamen Begegnung zu erzählen.

Doch kam es, wie es kommen musste: Die Ausbrecher wurden bereits am nächsten Tag vor das örtliche Gericht gestellt, an deren Verhandlung das ganze Volk voller Aufruhr und Abscheu teilnahm.
Es war ganz klar, dass die Aufwiegler in ihren Reihen nicht mehr tragbar waren, wenn sie nicht unverzüglich wieder zu ihren Sitten und Regeln zurückfänden.
Immerhin bekamen sie die Entscheidungsfreiheit, für immer das Volk zu verlassen, oder sich ab sofort in Buße wieder unterzuordnen.

Natürlich war es für die Angeklagten sehr schmerzlich, dieser Lieblosigkeit und Intoleranz gegenüberzustehen, ihre engsten Freunde und ihre Familien womöglich nie mehr wieder zu sehen.
Aber hatten sie wirklich eine Wahl, nach alledem, was sie erlebt und gefühlt hatten?
Nein, sie mussten dem Ruf ihrer Herzen gehorchen, weil sie nun wussten, was ihnen auf Dauer wirklich guttun würde.

So schnürten sie also ihre wenigen Habseligkeiten, verließen ihre Heimat und nahmen lediglich Erinnerungen in ihrem Inneren mit.

Ein Gefühl der Trauer begleitete sie zum Fluss, und doch wurde das Frohlocken über den Weg in die Freiheit immer stärker.
Und als die Schar aus der Ebene sie mit ihren Bündeln auf den Rücken kommen sah, erkannten sie rasch, was wohl geschehen sein mag und fuhren ihnen mit ihren Booten entgegen.

Herzlich umarmend begrüßten sie sich, fuhren gemeinsam zum anderen Ufer zurück, gingen zum ersten Mal gemeinsam zum Festplatz in der Ebene und wurden von allen Seiten liebevoll empfangen.
Es war keine Frage, es wurde das größte Fest gefeiert, das die Bewohner in ihrer endlosen Weite je erlebt hatten.

Die neuen Bewohner waren überall herzlich aufgenommen, fanden Freunde, Geliebte, Tröster, Kollegen, Ratgeber.
Manchmal, wenn sie die Wehmut überkam, schauten sie zu den Bergen hinauf, nicht ohne Hoffnung, dass eines Tages sich doch noch andere Bergleute zu diesem Weg der Veränderung aufmachen würde.





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Zuletzt geändert am 14.08.09
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Koralle 2009