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Geschichten








Das Märchen vom Mädchen, der Liebe und dem Meer




In einem kleinen, einsamen Haus am weiten Strand der Insel irgendwo lebte ganz allein ein junges Mädchen. Es hatte sich hierher zurückgezogen, weil es in seinem bisherigen Leben keine guten Erfahrungen gesammelt hatte, aber hier in dem Haus war sie glücklich und zufrieden. Konnte sie doch morgens die aufgehende Sonne hinter den Dünen sehen, tagsüber die Tiere am Strand beobachten und abends den Sonnenuntergang auf dem Meer, dort wo sich die Erde krümmt.

Sie mochte besonders die Abende, wenn der Himmel klar war und die Sonne scheinbar ins Meer fiel. An solchen Abenden ging sie oft stundenlang am endlosen weißen Strand spazieren und genoss das Schauspiel, welches ihr die Natur bot.
Sie führte ein ruhiges und beschauliches Leben - Hektik und Stress waren ihr unbekannt, und sie war mit sich und der Welt recht zufrieden.
Hin und wieder fehlte ihr zwar jemand zum Reden, aber im Großen und Ganzen hatte sie, so meinte sie, keinen Grund sich zu beschweren. Wenn sie unbedingt ein Gespräch mit Menschen brauchte, ging sie in das Dorf oder sprach mit den Möwen am Strand, die sie zwar nicht verstanden, aber sie hatte zumindest jemand, der ihr zuhörte, auch wenn es nur so schien.

Eines Tages ging das Mädchen wieder in das Dorf und sprach mit einigen Einheimischen.
Mitten aus dem Gespräch heraus wurde ihr plötzlich von einem der Dorfbewohner die Frage gestellt: "Sag mal, ist das nicht zu langweilig da draußen ohne jemanden zum Reden? Man braucht doch jemand zum Reden und man ist doch nicht auf der Welt, um allein zu sein."
"Doch", antwortete das Mädchen, "ich bin auf der Welt um allein zu sein und ich muss allein sein, weil die Nähe von anderen Menschen für mich zu gefährlich ist."
Ihr Gesprächspartner schaute sie verwundert an.
"Wieso, seit wann kann es gefährlich sein, wenn man mit jemandem zusammen ist? Ich kann es mir nur als schön vorstellen, mit jemandem zusammen zu sein, aber doch nicht alleine, allein verkümmert man doch."
Das Mädchen schaute ihn mit großen verwunderten Augen an und sagte: "Nein, das stimmt nicht. Solange ich allein bin, kann mir niemand etwas tun. Erst dann, wenn ich mit jemandem zusammen bin und voll auf ihn vertraue, dann werde ich verletzlich."
"Du bist ganz schön kaputt", meinte da ihr Gegenüber. "Wenn du schon Angst hast, dich auf jemanden einzulassen und Angst hast, Gefühle an dich herankommen zu lassen, ja, wofür bist du dann überhaupt da?"
"Für mich", antwortete das Mädchen, "nur für mich allein und für die Natur. Ich helfe gerne, ich helfe auch gerne im Dorf, aber ich will alleine bleiben."
"Du spinnst", kam es von ihrem Gegenüber, er drehte sich um und ging.

Alle Leute, die dieses Gespräch mit angehört hatten, schauten das Mädchen verwundert an, schüttelten den Kopf, drehten sich um und gingen ebenfalls weg.
So stand sie nun, mitten im Dorf, ganz allein auf dem Marktplatz und verstand sich und die Welt nicht mehr.
Warum sollte es so verkehrt sein, was sie eben gesagt hatte? Warum sahen sie die Nähe, die sie als bedrohlich für sich empfunden hatte, als so schön?
Hatten sie denn nicht ihre Erfahrungen gesammelt? Oder wollten sie einfach nur nicht wahrhaben, daß Nähe so verletzlich und schwach macht?
Sie drehte sich um und ging zurück an den Strand in ihr Haus, aber mit dem festen Vorsatz, auf ihrem heutigen Abendspaziergang noch einmal über die ganze Sache nachzudenken.

Weil es ein schöner Sommertag war, beschloss sie, zunächst einmal schwimmen zu gehen. So verging der Tag ohne weitere Vorkommnisse.
Als der Abend dämmerte, zog sich das Mädchen etwas wärmer an, ging aus ihrem Haus an das Meer hinunter, das so friedlich wie selten war.
Sie schlug den Weg am Strand ein, der die längste Strandwanderung versprach, weil hier auf dieser Seite der Strand scheinbar nie zu enden schien.

Während sie so ging, rief sie nochmal das am Vormittag im Dorf Erlebte in ihr Gedächtnis zurück.
Da gab es also Menschen, die hielten das was sie nur als Schlechtes erfahren hatte, für die schönste Sache der Welt. Ja, sogar als Lebensinhalt.
Sie konnte das alles nicht verstehen. Sie hatte ja auch ihre Erfahrungen gesammelt und versucht mit Menschen zusammen zu leben. Ja, sie war sogar soweit gegangen, dass sie sich total aufgegeben hatte, aufgegeben für ihr Gegenüber und das Ergebnis war stets das Gleiche gewesen: stets blieb sie allein und enttäuscht zurück, bis sie zu dem Punkt gelangte, wo sie sagte: "Jetzt will ich nicht mehr, jetzt will ich nur noch für mich da sein. Alles andere würde mich zerstören. Noch einmal die Zurückgebliebene zu sein, das würde ich nicht überstehen."

Aber warum sahen alle das Zusammensein als so ideal an, wenn man doch so schlechte Erfahrungen machen konnte?
Ihr wollte einfach keine Antwort auf diese Frage einfallen, irgendwie musste doch etwas an der Sache sein, wenn so viele Menschen das für gut hielten und das als Ziel sahen, dann konnte es garnicht so verkehrt sein.
Vielleicht gab es ja wirklich die Möglichkeit, dass Menschen miteinander auskommen, ohne sich gegenseitig zu verletzen. Daß zwei Menschen miteinander und ganz eng beieinander sein können, ohne dass am Ende einer von beiden enttäuscht wird? Sollte das wirklich möglich sein? Nur, wenn das möglich wäre, wo wäre es möglich? Wo würde es gehen?

Vielleicht dort hinten hinter der Krümmung der Erde, wo jetzt gerade die Sonne glühend rot verschwindet? Vielleicht dort? Vielleicht ist dort die Möglichkeit, doch wie komme ich dahin? - überlegte sie weiter, und wer und was wartet dort hinten auf mich, wenn ich es erreichen sollte?
Ich bin zwar eine gute Schwimmerin, aber so weit schwimmen kann ich nicht. Dort hinlaufen geht auch nicht, ein Boot nehmen vielleicht, doch dann bin ich es nicht selbst, die dort hinkommt, sondern werde gebracht.
Fliegen müsste man können! Naja, aber fliegen kann ich nicht, also werde ich wohl mein Leben weiterleben, dachte sie so vor sich hin und beschloss, gleichzeitig heimwärts zu gehen, denn es wurde inzwischen schon dunkel.

Zu Hause angekommen machte sie den Kamin in der kleinen Stube an und beschloss, die Gedanken über das Zusammensein vorläufig auf Eis zu legen, denn sie lebte ja eigentlich ganz gut.
Tage vergingen, Wochen vergingen, der Sommer ging vorüber, es kam der Herbst, es kam der Winter und damit die langen, kalten Nächte. Es gab Schnee und sehr viel Frost. Draußen in der Natur wurde auch alles frostiger und eisiger. Nur hin und wieder sah man noch Möwen am Strand ruhelos hin und her wandern.
Auch die Leute im Dorf sah man jetzt weniger draußen. Sie zogen es vor, in ihren warmen gemütlichen Häusern mit ihrer Familie zusammen zu sein.

An einem dieser kalten Wintertage klopfte es an der Tür vor dem Haus, in dem das Mädchen wohnte.
Das Mädchen erschrak, denn sie hatte sich gerade zurückgesetzt und ein schönes Buch genommen, um es zu lesen. Bücher waren in dieser Jahreszeit ihre einzigen Freunde. Sie stand auf und öffnete die Tür.
Vor ihr stand ein junger Mann. Sie traute ihren Augen nicht, denn erstens war es äußerst selten, dass sie hier draußen Besuch bekam und zweitens, wenn sie schon Besuch bekam, war er immer weiblich gewesen und jetzt ausgerechnet im Winter ein junger Mann?
Was das wohl zu bedeuten hatte?

Da sie aber nicht unhöflich war, bat sie ihn herein.
"Komm doch rein und setz sich zu mir ans Feuer".
Er trat ein, legte seine Jacke ab, seine Mütze, seine Handschuhe und setzte sich zu ihr.
Sie fragte ihn: "Was willst du von mir?"
"Hm ja, ich habe gehört, du lebst hier draußen ganz allein und willst mit keinem zusammen sein?"
"Das ist richtig", antwortete das Mädchen.
"Ja warum denn nicht?"
"Ach weißt du, ich habe in meinem Leben so viele schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die ich zu nahe an mich herankommen hab lassen, als dass ich jetzt noch einmal den Mut hätte, mit jemandem so nahe zu sein, daß er mir gefährlich werden könnte."
"Hm", meinte der junge Mann, "dann ist es dir ähnlich ergangen wie mir, auch ich habe bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht. Aber deshalb will ich noch lange nicht alleine bleiben."
"Wieso?" fragte das Mädchen, "reicht es dir denn nicht, was du erlebt hast?"
"Doch, ich wäre fast daran zugrunde gegangen", war die Antwort, "aber, wenn ich alleine bin, dann geh ich noch viel eher zugrunde, dann fehlt mir die Ansprache, fehlt mir der Punkt, wo ich meine Liebe hinwenden kann. Wohin wendest du denn deine Liebe hier draußen in der Einsamkeit?"
"Ach, ich habe meine Tiere."
"Welche Tiere?"
"Ja, die Tiere in der Natur."
"Denen kannst du Liebe geben?"
"Ja!"
"Geben sie dir auch Liebe zurück?"
"Nein, aber ich kann mit ihnen reden wann ich will und machmal habe ich sogar das Gefühl, dass sie mir zuhören."
"Das nennst du Liebe?"
"Nein, das nenne ich nicht unbedingt Liebe, aber es ist zumindest besser, als wenn ich mich jemandem ausliefern müsste und dann von ihm gefressen werden würde."
"Wer frisst denn einen, wenn man sich ausliefert?"
"Naja, das sind eben meine Erfahrungen."
"Ach du Arme, du scheinst wirklich bis jetzt nur schlechte Erfahrungen gesammelt zu haben. Sicher, auch ich habe schlechte Erfahrungen gesammelt. Auch ich bin oft enttäuscht worden, aber ich glaube einfach daran, daß es die Liebe irgendwo gibt."

In diesem Moment fiel dem Mädchen wieder ihr Abendspaziergang vom Sommer des Jahres ein. Als sie einen klitzekleinen Moment glaubte, dass dort hinten, weit draußen auf dem Meer, dort wo die Erde sich rundet, vielleicht die Liebe sein könnte. Nur, sie wusste nicht, wie sie dort hinkommen sollte.

Das erzählte sie dem jungen Mann und dieser hörte aufmerksam zu.
"Ja", sagte er, "sicher, dort hinten könnte die Liebe sein."
"Aber ich weiß nicht, wie ich dort hinkommen soll."
"Du hast doch vorhin selbst gesagt: Fliegen!"
"Wie soll ich fliegen? Ich habe keine Flügel und ich habe das Fliegen nie gelernt."
Da lachte der junge Mann und sagte: "Du brauchst nicht tatsächlich zu fliegen. Du musst nur in deinen Gedanken fliegen, das ist garnicht so schwer, das braucht man auch nicht lernen, denn fliegen kann jeder von uns, nur die meisten Menschen haben es leider verlernt."

"Kannst du denn fliegen?", fragte das Mädchen.
"Ja, hm, es geht so einigermaßen. Etwas fliegen habe ich wohl mittlerweile gelernt, nur, es will noch nicht so recht klappen, weil ich schon oft auf die Nase dabei gefallen bin.  Doch wenn ich jemand hätte, der den Mut aufbringen würde, mit mir zu fliegen, dann, ja dann kann ich mir vorstellen, es zu schaffen. Und dann kann ich mir vorstellen, mit dem zusammen wirklich das zu erleben, was man Liebe nennt."
"Und wenn du wieder abstürzt?"
"Tja, dann habe ich eben Pech gehabt."
"Hach, bist du ein hoffnungsloser Optimist. Bist du denn nicht schon oft genug auf die Nase gefallen, dass du es jetzt auch noch versuchen willst?"
"Gut, vielleicht bin ich oft genug auf die Nase gefallen, aber ich habe begriffen, daß ich ohne Liebe nichts bin. Deshalb werde ich wohl immer wieder anfangen zu fliegen."
"Und es gibt genügend Leute, die mit dir fliegen?"
"Nein, nur ganz wenige Leute, eigentlich garkeinen, der bisher den Mut hatte, mit mir zu fliegen."
" Wie war das dann für dich?"
"Meistens bin ich alleine losgeflogen und wenn ich dann schon unterwegs war, habe ich erkannt, daß ich allein war. In dem Moment, wo ich das gesehen habe, bin ich abgestürzt und habe mir wahnsinnig weh getan."
"Irgendwie überzeugt mich das ja, was du mir da so erzählst, aber ich muß darüber erst noch einmal nachdenken", sagte das Mädchen, "ich wäre jetzt ganz gern allein."
"Gut, wenn du alleine sein möchtest, dann werde ich dich jetzt verlassen."
"Halt, halt, nicht so schnell. Ich fände es schön, wenn du mal wieder kommen würdest."
"Wenn du das möchtest, gerne."

So standen sie nun voreinander, der junge Mann zog seine Jacke an, setzte seine Mütze auf, zog seine Handschuhe an, ging durch die Tür und verschwand in der kalten Winternacht.
Das Mädchen blieb allein im Haus zurück und dachte noch bis tief in die Nacht über das Gespräch mit dem jungen Mann nach.

Es vergingen Tage, und es vergingen wiederum Wochen. Der Frühling kam, als es eines abends wieder an der Tür des Hauses klopfte. Draußen stand - ja richtig - wieder der junge Mann.
"Hallo, wie geht es dir?", fragte er.
"Mir geht es gut. Hast du jemanden zum Fliegen gefunden?"
"Nein."
"Und du suchst immer noch?"
"Ja."
"Ich glaube, du hast damals Recht gehabt mit dem, was du mir erzählt hast", sagte das Mädchen, "und ich würde gerne mit dir einen Versuch zu fliegen wagen."
"Gut", antwortete der junge Mann, "komm, lass uns aufbrechen ..."
"Nicht so schnell, nicht so schnell, erst muss ich noch einiges regeln."
"Nein, wenn du fliegen willst, mußt du jetzt fliegen."

Das Mädchen überlegte nicht lange und beide rannten hinaus aus der Hütte, geradewegs auf die offene See zu. Sie hoben ab und begannen zu fliegen. Sie flogen weit, weit weg.

Ob sie das gefunden haben, was sie suchten und was wir die wahre Liebe nennen?

Gibt es sie?








Dieses Jahr schenke ich mich selbst





Es war an einem dieser wunderbaren, stressigen Einkaufssonnabende vor Weihnachten, als ich mich mit stolzgeschwellter Brust und einem Haufen erworbener Weihnachtsgeschenke in der großen Stadt ein wenig ausruhen wollte.
Ich war bereits den ganzen Tag unterwegs gewesen, um Weihnachtsgeschenke für alle mir lieben Menschen einzukaufen. Ich war von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Geschäft zu Geschäft und auf dem Weihnachtsmarkt von Bude zu Bude gegangen, um ja für jeden das Richtige zu finden.
Am Anfang dieses Tages hatte sich so gar keine Weihnachtsstimmung einfinden wollen, weil ich erst noch den Stress der Herfahrt überwinden musste. Doch schließlich hatte es diese große Stadt mit ihrer festlichen Beleuchtung, ihren Gerüchen und den Weihnachtsklängen geschafft, mich in die richtige Kauflaune zu versetzen.
So konnte ich mir bei jedem Einkauf eines Geschenkes vorstellen, wie sehr sich der Beschenkte über meine mit ach so viel Liebe gekaufte Gabe freuen würde. Das musste große Augen unter den Weihnachtsbäumen geben.
Ja, dieses Jahr war es mir recht leicht gefallen, für jeden etwas Passendes zu finden: Für meine Freundin .... für Vater .... für Mutter .... Ich hatte aber auch schon das ganze Jahr darauf geachtet, was ihnen wohl hätte gefallen können - jeder Wunsch war aufmerksam von mir im Gedächtnis behalten worden.
Insgesamt gab es für mich nach diesem Tag keinen Grund zur Unzufriedenheit. Das Einzige, was mir jetzt noch fehlte, war ein wenig auszuruhen und eine Kleinigkeit zu essen.
So begann ich ein entsprechendes Lokal zu suchen.

Es dauerte nicht lange, da fiel mein Blick auf ein recht gemütlich wirkendes Restaurant. Am Eingang war ein Schild angebracht, auf dem zu lesen stand: "Ruhen Sie sich von dem Stress Ihres Einkaufs bei schmackhaftem, preiswertem Essen und gepflegten Getränken ein wenig aus".
Also Erholung konnte ich gut gebrauchen, Durst und Hunger hatte ich auch - naja, und da einige Sachen doch teurer geworden waren, als ich angenommen hatte, passte der Zusatz "preiswert" ganz gut in meine Essenspläne.
"Los hinein", dachte ich.
Auch innen wirkte das Lokal recht gemütlich. Gedämpftes Licht, angenehme, unaufdringliche Musik, dazu die Einrichtung so richtig schön rustikal. Eine gute Idee also, die ich gehabt hatte.
Jetzt nur noch einen Platz .... Doch was war das: Alle Tische waren besetzt, überall saß jemand, es gab keine freien Tische mehr. Auf Gesellschaft hatte ich eigentlich keine Lust. Außerdem ist es ja so, daß man bei uns im Land am Liebsten alleine in Restaurant, Bus, Bahn oder Auto sitzt. Nicht, dass man total alleine sein wollte, doch sein Revier braucht man ja. Das andere gehört zwar dazu, wie Möbel oder so etwas, aber mehr eben auch nicht.

So gab es für mich jetzt die Wahl, mich zu jemandem zu gesellen oder aber irgendwo anders ein stilles Plätzchen zu suchen.
Schließlich siegten mein Hunger und die müden Beine über meine Wünsche nach Abstand und Ruhe. Ich schaute mich noch einmal im Lokal um. Hinten in der Ecke entdeckte ich einen Tisch, an dem ein junges Mädchen saß, das recht sympathisch aussah.
Ich ging zu ihm hin und fragte, ob dort ein Platz frei sei.
"Selbstverständlich", sagte es. 

Ich stapelte meine Pakete auf einem der Nachbarstühle auf. Es war ein recht ansehnlicher Turm, vor dem ich meine eigene Hochachtung kaum verbergen konnte.
Dem Mädchen muss das aufgefallen sein, denn es sprach mich an:
"Weihnachtsgeschenke?"
"Ja", antwortete ich, während ich mich setzte.
Damit war für mich das von ihr begonnene Gespräch auch schon beendet. Ich nahm mir die Speisekarte, um mir mein Essen zusammen zu stellen.
Obwohl ich mit der Karte beschäftigt war, merkte ich, dass ich von ihr beobachtet wurde. Es war mir irgendwie unangenehm, ja fast lästig.
Als ich zwischendurch mal aufsah, lächelte sie mich an. Was das wohl sollte? War es nicht schon eine Unverschämtheit, mich, der doch eigentlich allein sein wollte, so unversehens anzulächeln?
Ich verkroch mich rasch wieder in den Schutz der Speisekarte.
"Darf ich bitte bestellen", rief ich nach kurzem, weiterem Studium die Bedienung heran.
"Einmal Nummer 6 und ein Bier bitte."
„Die 6 ist gut“, eröffnete mein Gegenüber das Gespräch wieder.
„Ja, das wäre schön, denn ich habe großen Appetit", erwiderte ich leicht mürrisch ob dieser erneuten Einmischung in meine Intimsphäre.
Damit ich keine neuerliche Störung erlebte, beschäftigte ich mich jetzt mit meinen erworbenen Schätzen des Tages. Ich wühlte in Tragetaschen und Paketen herum. Einige Teile nahm ich aus ihrer Verpackung, um sie nochmals genauer zu betrachten. Aus dem Abstand heraus wirkte Einiges hier schon ganz anders.

Das Bier kam. Endlich, denn ich hatte auch gewaltigen Durst.
"Prost."
Schon wieder so eine Einmischung. Aber man will ja nicht unhöflich sein, deshalb prostete ich ihr auch zu.
"Danke", sagte sie fast überschwänglich. "Ich dachte, Du wolltest wie alle hier nur Deine Ruhe, und Gespräche und Gedanken wären Dir lästig."
"Na ja, wenn ich ehrlich bin, dann wollte ich das auch. Ich bin mit dem Gedanken, etwas zu essen und zu trinken, her gekommen. Eigentlich hatte ich nicht vor, hier Gespräche zu führen. Es war schon anstrengend genug heute. 
 Also schleppst Du wie, viele andere auch, eine Mauer um Dich herum mit Dir. "
„Wieso eine Mauer? "
„Die Mauer, die verhindert, dass andere Menschen Dich kennenlernen, dass andere sehen, wer Du wirklich bist. Diese Mauer hast Du bei Dir, ja, Du gehst sogar mit ihr schlafen. Nur in ganz wenigen Momenten Deines Lebens lässt Du sie fallen. Dann kann Dein Gegenüber sehen, wer Du wirklich bist und wo Deine wirklichen Gefühle verborgen liegen."
„Nein, ich glaube nicht, dass es so ist. Im Gegenteil, ich halte mich für sehr offen; doch ich gebe zu, dass ich nicht jeden an mich herankommen lasse, und ich glaube, das muss sogar so sein."
"Ist es nicht eher so, dass Du Deine Offenheit nur spielst? Deine von Dir gezeigte Offenheit ist doch im Grunde auch nur ein Teil Deiner Mauer. Bist Du denn zum Beispiel wirklich in der Lage, auf Menschen einzugehen und bei allem Risiko zu sagen: "Ich mag Dich, Du gefällst mir oder ich finde Dich sympathisch.“
„Es kommt darauf an", antwortete ich "wer derjenige ist, wo es ist, und was ich von ihm möchte. "
„Siehst Du", kam es jetzt schon fast triumphierend, "Du misst das, was Du gibst, mit Deinen Maßstäben - Du gibst das über die Mauer, was Du willst. Hättest Du Deine Mauer nicht, würdest Du ohne große Überlegung handeln - spontan und ohne Hintergedanken. So aber wird der andere zum Zweck Deiner selbst. Sieh mal Deine ganzen tollen Geschenke da. Es sind alles Teilchen, die Du aus lauter Großherzigkeit über Deine Mauer reichst. Du selber aber versteckst Dich nur noch mehr. "

Das war ein Angriff auf meinen ganzen Stolz und die Arbeit, die ich mir damit gemacht hatte. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen, also konterte ich:
"Weißt Du überhaupt, mit wie viel Liebe ich diese Geschenke ausgesucht habe? Jeder meiner Freunde und Verwandten bekommt etwas, was nur für ihn ausgesucht wurde, mit viel Überlegung und noch mehr Gedanken über ihn! Jetzt kommst du, und behauptest, ich würde nur ein Stückchen von mir über meine Mauer reichen, von der ich immer noch nicht glaube, dass ich sie überhaupt besitze. Ich finde das reichlich anmaßend von Dir.
"Entschuldige, wenn ich Dich jetzt verletzt haben sollte - es lag nicht in meiner Absicht. Ich wollte Dir nur versuchen zu beweisen, dass es tatsachlich so ist, wie ich es Dir gesagt habe. Verletzen wollte ich Dich damit bestimmt nicht. Eher im Gegenteil, denn ich mochte Dich vom ersten Moment an, als Du dieses Lokal betratst. Ja, ich hoffte sogar, dass Du Dich zu mir setzen würdest. Als Du dann so mürrisch warst, habe ich erst geglaubt, Du würdest mich nicht mögen, doch dann sah ich Deine Augen und wusste, dass ich einfach mit Dir sprechen muss."
"Warum aber greifst Du mich dann an?"
"Ich greife Dich ja gar nicht an, ich möchte nur von Dir, dass Du zu Dir stehst, damit jeder sehen kann, was nur ich in Deinen Augen lese - nämlich wer Du wirklich bist."
"So, in meinen Augen kannst Du das lesen?"
"Ja. "
"Und nach denen bin ich anders als ich scheine?"
" Ja . "
"Glaube ich nicht!"
"Doch, nur die meisten Menschen wollen und können es nicht mehr glauben, weil sie verlernt haben, wie sie wirklich sind. Sie sind nur noch ein Bild dessen, was die anderen von ihnen erwarten. Sie sind nicht mehr sie selbst. Dabei wären sie, so wie sie sind, viel wertvoller als alles noch so mühsam dazu Gelernte."

Hierauf fiel mir keine Antwort mehr ein. Ich stocherte lustlos in meinem kalt gewordenen Essen herum.
Ganz unrecht hatte sie mit dem, was sie gerade gesagt hatte, ja nicht.
Während ich so vor mich hin grübelte, stand sie plötzlich auf, kam auf mich zu, gab mir einen Kuss und sagte leise zu mir:
„Du, ich hab Dich gern, doch leider muss ich jetzt gehen. Wir sehen uns bestimmt irgendwann wieder. "
Sie drehte sich um und verschwand durch die Eingangstür.
Ich schaute ihr noch lange nach, bevor ich mein kaltes Essen in mich hineinstopfte.

Dieses Mädchen ging mir in den nächsten Tagen nicht mehr aus dem Kopf.
Ich dachte immer wieder darüber nach, was sie mir an jenem Einkaufstag versucht hatte zu erklären. Ich stellte fest, dass ich, um so mehr ich über den Tag nachdachte, merkte, dass sie damals Recht gehabt hatte.
Ja, ich verstecke mich jeden Tag hinter meiner Mauer. Ich lasse niemanden mehr an mich heran, als es für mich ungefährlich bleibt. Alle aufgesetzte Offenheit ist nichts weiter als ein Gaukelspiel.
Wer weiß schon wirklich alles über mich, wer kennt schon all meine Schwächen, Gefühle, Sehnsüchte und Träume? Vielleicht gerade noch Du - die genau wie dieses Mädchen in meinen Augen lesen kann, aber alle anderen nicht.

Die ganzen tollen Geschenke, welche ich an jenem denkwürdigen Tag gekauft hatte, lagen schon fast vergessen in einem Schrank meiner Wohnung. Ich hatte den Spaß an ihnen verloren, denn ich wusste jetzt, dass die Geschenke nur einen Teil des bevorstehenden Weihnachtsfestes bedeuteten ...
Das einzig wirkliche Geschenk, was ich meinen Freunden und Verwandten dieses Jahr machen konnte, war ich selber, so wie ich wirklich bin, und deshalb beschloss ich :

DIESES JAHR SCHENKE ICH MICH SELBST

- Selbstverständlich gab es als Draufgabe noch die materiellen Präsente, weil es ja so üblich ist.






Verspätete Weihnacht -
oder wie der Weihnachtsmann mit dem Schlitten eine Panne hatte


Eine Geschichte, eher für Kinder

Es war an einem Heiligabend vor einigen Jahren, als der Weihnachtsmann, wie jedes Jahr, mit seinem Schlitten auf die Erde kam, um die kleinen und großen Kinder der Welt zu beschenken.

Er hatte bereits einen großen Teil seines beschwerlichen Weges hinter sich gebracht, als er mit seinem voll beladenen Schlitten in einem Wald gegen einen Stein fuhr.
"Kracks", machte es, und eine Kufe des Schlittens war zerbrochen.

Da stand nun der arme Weihnachtsmann und wusste nicht mehr weiter - sein Schlitten war entzwei, und er würde die Kinder kaum noch alle beschenken können. Er hatte zu Hause zwar noch einen Ersatzschlitten, doch bis er den geholt hätte, wäre Weihnachten schon längst vorbei. Also, was sollte er nun tun?

Er überlegte eine Weile, dann packte er alle Geschenke in einen großen Sack, band die Rentiere an einen Baum und stapfte durch den verschneiten Wald davon.

Der Weg durch den Wald war sehr, sehr beschwerlich. Der Weihnachtsmann kam kräftig ins Schwitzen. Er keuchte und prustete vor sich hin, während er sich den Weg durch das dichte Unterholz bahnte. Von Zeit zu Zeit fluchte er auch kräftig auf seine eigene Unachtsamkeit und den "blöden" Stein, den er übersehen hatte. Geholfen hat ihm das leider alles nicht, denn er wollte und musste ja unbedingt die Geschenke zu den Kindern bringen, damit keines enttäuscht würde. So verging eine ganze Zeit, bis er an eine Straße kam, auf der viele Autos fuhren. Hier änderte er seine Richtung und stapfte dorthin, wo er die nächste Stadt wusste. Sein Sack mit den vielen Geschenken lastete immer schwerer auf seinen Schultern. Die Zeit zerrann ihm nur so zwischen Fingern, denn mit jedem Schritt wurde es später und später. So ging es nicht weiter - ohne seinen Himmelsschlitten würde er es niemals schaffen, auch nur einen Teil der Kinder zu bescheren. Ihm musste einfach etwas einfallen, überlegte er, während er an der Straße entlang ächzte. Dabei schaute er sehnsüchtig hinter den Autos her, die ihn laufend überholten.

So mag wohl gut eine Stunde vergangen sein, als ihm plötzlich die rettende Idee kam - er müsste ein solches Auto haben, dann könnte er seinen ganzen Weihnachtsmannbezirk noch mit Geschenken versorgen. Wie sollte er aber an ein Auto kommen....... - wenn doch nur die Menschen, die alle an ihm vorbeifuhren, wussten, wie es um ihre Weihnachtsgeschenke bestellt ist; dann würden sie sicher anhalten und ihn mitnehmen. .

Ja, das wäre die Lösung um doch noch alle in dieser Nacht beschenken zu können; nur, keiner der Menschen schien zu ahnen, welche Katastrophe sich da anbahnte.

"Ich muss die Menschen dazu bringen, dass sie mir helfen", dachte der Weihnachtsmann, und er erinnerte sich, dass er auf einer seiner zahlreichen Reisen schon einmal Menschen gesehen hatte, die per Anhalter reisten. Sie stellten sich an den Straßenrand, hielten den Arm heraus und zeigten mit dem Daumen in die Fahrtrichtung, in die sie wollten. Gesagt getan, unser Weihnachtsmann stellte sich in gleicher Weise an die Straße und wollte per Autostop die Geschenke verteilen.

Viele Autos fuhren an ihm vorbei, doch keines wollte halten. Waren die Menschen denn so wenig hilfsbereit?

Auch die Menschen in den vorbei fahrenden Autos sahen den Weihnachtsmann dort am Straßenrand stehen. Leider machten sich die meisten überhaupt keine Gedanken über den armen Kerl dort an der Straße mitten im Wald, der so gerne mitgenommen werden wollte, damit alle Kinder noch rechtzeitig ihre Geschenke bekamen. In vielen Autos saßen auch Kinder, die den Weihnachtsmann sahen. Sie glaubten aber nicht mehr an ihn oder hielten ihn für den Weihnachtsmann aus irgend einem Kaufhaus oder einer Fußgängerzone, der seinen Bus verpasst hat. Weil es alle an diesem Tag besonders eilig hatten nach Hause zu kommen, um ja die Bescherung nicht zu versäumen, hielt keiner an.

So stand nun unser Weihnachtsmann bestimmt schon eine Stunde an der Straße; mittlerweile war es schon fast dunkel geworden, und die Zeit der Bescherung rückte immer näher. Das würde ein tristes Weihnachtsfest geben, ohne Geschenke unter dem Tannenbaum. Wenn doch bloß ein Auto anhalten wollte, aber nichts passierte, und es wurde später und später .....

Schließlich hielt doch noch ein kleines Auto an. In ihm saß ein Vater mit seinen drei Kindern.

"Guten Abend, Herr Weihnachtsmann", begrüßte der Vater den alten Mann. "Ist ihnen etwas zugestoßen, dass sie so allein an der Landstraße stehen, und wo ist ihr Schlitten geblieben?"

Der Weihnachtsmann erzählte, was ihm geschehen war.

"Nun aber zu", meinte der Vater, nachdem er die Geschichte des Weihnachtsmanns erfahren hatte. "Packen sie ihren Sack in den Kofferraum, damit wir die Geschenke auch alle mitbekommen."
Der Kofferraumdeckel ließ sich kaum schließen, so dick was der Sack. Schließlich war auch der Weihnachtsmann im Auto untergekommen. Los ging die Fahrt. Der Weihnachtsmann zeigte dem Vater, wo überall die Geschenke hingebracht werden mussten, und so bekamen an diesem Heiligen Abend doch noch alle Kinder rechtzeitig ihre Geschenke; auch wenn es bei einigen recht spät wurde.

Der Vater und die drei Kinder kamen in dieser Heiligen Nacht erst kurz vor Mitternacht nach Hause, wo die Mutter sich schon große Sorgen um ihre Lieben gemacht hatte. Sie schimpfte erst mal kräftig mit ihnen. Wo sie sich denn so lange rumgetrieben hätten, fragte sie. Sie beruhigte sich erst wieder, als ihr die Vier die Geschichte mit dem Weihnachtsmann erzählt hatten. Am Ende gab es dann auch in dieser Familie eine wunderschöne Bescherung.

Das war ein Staunen über die ganzen wunderschönen Geschenke, die auch ihnen der verunglückte Weihnachtsmann in dieser Nacht gebracht hatte.




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LastUpdate: Zuletzt geändert am 18.12.02
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